Der Musikant war empfindsam, aber die Empfindlichkeit hatte er vor der Welt verlernt; denn mit Spott begegneten ihm sogar Menschen, gegen die er in jeder Beziehung ein bedeutendes Licht war. Wie eine Blume, die im Schatten blüht, wandte er sich Do zu. Da merkte Gwendolin, daß sie und auch Jockele in dieser Stunde nicht am rechten Platze wären, und sie sagte: »Lieber Meyer, den Doktor und mich beurlauben Sie wohl für heute; wir haben im Büchersaal noch alle Hände voll zu tun.« Damit preßte ihn Gwendolin mit sanftem Druck in seinen Sitz zurück; denn der arme Musikant schickte sich gleich in tiefer Betretenheit zur Flucht.
»Gnädige Frau, ist es wirklich wahr, daß ich gern bei Ihnen gesehen bin?« fragte er, als er mit Do allein war.
»Ganz gewiß,« sagte sie in ihrer leuchtenden Art, »und nicht nur, weil wir nebenan einen sehr schönen Blüthner stehen haben, für den wir drei viel zu unmusikalisch sind.«
»O, wenn ich Ihnen mit meiner bescheidenen Begabung Freude machen könnte …«
»Ja, das können Sie,« lächelte Do. »Was meinen Sie zu einem kleinen musikalischen Tee, immer an Donnerstagen von Fünf bis halb Sieben?«
Es fiel ein Sonnenregen über Erich Meyers Herz. Dann saß er draußen an dem Blüthner, nur für zwei dankbare flüchtige Minuten – da regnete es immer weiter, und es war zu sehen und zu hören, welch selige Erquickung diesen armen Menschen segnete. Er dachte, er wäre zu schlecht, der schlanken lichten Frau die Hand zum Abschiede zu bieten. Da reichte sie ihm alle beide und sonnte ihre Güte noch einmal über den Rausch seines Glückes. Und dann stand draußen in der Vorhalle der Diener Fritz und öffnete ihm die Haustür und hatte eine herrlich weiße Krawatte vor – »So lange haben Sie auf mich gewartet?«
»O nein,« lächelte Fritz und machte eine tiefe Verbeugung vor dem armen Musikanten. Der aber flog auf breiten Flügeln davon und flog in den abenddunklen Park, in dem die Herbstnebel schwammen. Wunder Gottes, Wunder Gottes, es wurde immer heller um ihn. Juhu! –
Wieder nach ein paar Tagen waren Haus und Herzen fertig. Da kam Tante Veronika aus Ibenheim am Walde. Aber diesmal kam sie im Wagen, und Do, Jockele und Gwendolin hatten sie am Bahnhof erwartet. Sie ging noch immer an dem gleichen gelben Krückstock, und sie trug noch immer einen Kapotthut mit veilchenfarbenen Bindebändern und trug die cremefarbenen Handschuh. Und sie hatte den Umhang mit sanft flimmerndem Jett über den Achseln, hatte noch die klaren Augen, und die weichen Wellen des Haars um Stirn und Schläfen, und sie sah noch immer so schmuck und fein aus, als hätte sie der liebe Gott aus seinen Sonntagshänden gerade erst auf die Erde gesetzt. Ihre Seele tat einen Rundblick aus den blankgeputzten Fensterlein unter der Stirn und erkannte: es ist alles gut. Aber Do mußte ihr schon im Wagen gegenüber sitzen; denn die Do war ihres Glückes Erfüllung. Und ihr mußte sie immer einmal aus dem heimeligsten Winkel ihres Herzens zublinzeln; das hieß: »Wir zwei, wir haben ihn aus dem Walde gezogen.«
So kamen sie heim. Erich Meyer war ein Fremdling in diesem Hause gewesen – Tante Veronika paßte allenthalben: wie eine blühende Pflanze auf den Geburtstagstisch oder an das helle Fenster. Aber als sie durch die schönen ruhevollen Zimmer geschritten war, in der die Jugend einer anderen Zeit mit so viel Klugheit und Hingebung gewaltet hatte, da war ihr doch: der liebe Gott stünde an der letzten Türe, lachte sie aus seinen Himmelsaugen an und reichte ihr einen schönen Strauß aus gelben Rosen, die sie vor allen liebte; und sie machte ihm einen respektvollen Knicks. Dann aber preßte sie Do gleich ihr liebes gerührtes Gesicht ans Herz –: »O, laßt mich nur weinen; gäbe es denn ein reineres Glück, als in Freude zu weinen über seine Kinder?«
So waren sie durch innige und frohe Stunden beieinander, diese drei Menschen, von denen Henrik Tofte gesagt haben würde: »Es ist unheimlich, an ihnen der Besinnlichkeit des Schicksal nachzuspüren, das man gemeinhin gedankenlos nennt.«