Daran dachten sie und belustigten sich über die Maßen, denn es lag auf dem weiten klaren Wege, von der Schwelle des Zigeunerfindlings an bis zu dieser Stunde, nichts, als was von tüchtigem und klugem Menschenwillen an seine Stelle geleitet worden war.

Tante Veronika blieb drei Tage, blieb genau so lange, daß sie sagen konnte: »Nun hab ich auch diesem Abschnitt eures Lebens kennengelernt, und es ist mir, als wäre ich stets um euch gewesen.« Gleich an dem Abend, an dem sie wieder in ihrem Ibenheimer Stübchen saß, geleitete Mali den Herrn Peter Squenz herein, den früheren Gemeindevorsteher, der nun ein sehr alter Mann geworden war; denn Herr Peter Squenz verlebte seine Ruhejahre in dem »Wunder«, das an dem kleinen Zigeunerjungen geschah. Er sagte, es wäre unausstaunlich – hätte er denn sonst seine schwarze Schirmmütze in der Hand behalten, während er mit dem Doktor Sinsheimer gesprochen, als sie damals alle nach Bonn reisten? Tante Veronika und Herr Peter Squenz waren gute Freunde geworden, o ja, aber vor seinem Wunderglauben funkelte sich die alte Dame in einen lustigen Spott.

Doch Herr Peter Squenz war nicht der einzige, der sich an dem Märchen ergötzte, das sich da durch die nüchterne Gegenwart lebte. Es waren noch die hundert Leute um ihn her, die der Tante Veronika vor etlichen zwanzig Jahren hatten weismachen wollen: wenn der kleine Zigeuner erst mal ein großer Zigeuner geworden, dann würde er im Walde von Ibenheim ein Räubergeschäft aufmachen!

Und da war auch noch das Zinzilein im Forsthause weit draußen vorm Berge der Frau Venus. Das Zinzilein hatte dem Jockele an seinem ersten Lebenstage das samtige Fellchen auf seinem Kopfe gebürstet und den kleinen Menschen im Puppenwagen spazierenfahren wollen. Nun war eine blonde hüftenfeste Frau Försterin daraus geworden, die selber ein ganzes Haus voll lebendiger Puppen hatte. Daneben hätschelte sie die liebe Frage: ob der Jockele mit seiner lichten Frau Do wohl einmal leibhaftig in ihr sehnsüchtiges Herz scheinen würde? O, das gäbe für dies Herz und seine Waldeinsamkeit einen großen Tag!

Und da waren noch andere, die mit ihren Gedanken die hochgemuten Menschen suchten, die sich unter den alten Bäumen am Horn so wegsicher vorwärtslebten ins Leben; denn Jockeles »Mädchenzeit« kannten sie nun alle. Und in ihrer Geschäftigkeit dichteten sie das kleine rote Jockelebuch auf eigene Faust weiter zu einem dickleibigen Lexikon; denn sie wußten ganz genau: es wäre ihnen in dem kleinen Buche aus triftigen Gründen manches verschwiegen worden, und just das wäre das Interessanteste. Was darüber hinaus passierte, wollten sie nun auch wissen; denn sie meinten, das wäre genau so bunt und springlebendig und schmeckte so nach Champagner wie die Geschichten aus dem Pflaumenwinkel. Deshalb war der Stufensteig, der vom Horn an Goethes Gartenhaus vorüber hinabführt in den Park, seit dem Tage ein heftig gesuchter Spaziergang für die Weimaraner, an dem es ruchbar wurde, Sinsheimers wären wieder im Lande. Die Gymnasiasten, die am Zaune vorübergingen, hinter dem der Jockele dem geheimnisvollen Augenaufschlag seiner Dichterseele zuschaute, erzählten sich von ihm und sagten: »Es ist eine großartige Sache!« Und damit fanden sie genau die gleichen Worte, die dem Zinzilein vor dreiundzwanzig Jahren aus seinem kleinen Munde gestolpert waren, als es dem Herrn Peter Squenz berichten sollte: droben bei der Tante Veronika wäre ein kleiner Jockele angekommen.

Etliche von diesen vielen waren in der sehr freundlichen Lage, die Geschichte mitzuerleben, die sie »Jockele und seine Frau« nannten, schon lange bevor sie aufgeschrieben wurde. Es war aber nicht ganz leicht, in diese freundliche Lage zu kommen. Man durfte nun nicht mehr durch die Türen fahren wie vor ein paar Jahren im Pflaumenwinkel – nein, denn schon die eiserne Gartenpforte war verschlossen. Das deutete weder auf einsiedlerische noch auf menschenfeindliche Neigungen, sondern es hing mit jenem Augenaufschlag der Dichterseele zusammen. Das schien ein äußerst geheimnisreicher Vorgang zu sein. Ja.

Hinwiederum gab es Abende, da strömte das Licht in goldenen Strömen bei Sinsheimers aus allen Fenstern, da sausten die Wagen durch die herbststille Baumstraße, da kamen elegante Herren und funkelnde Damen; denn es war bei Sinsheimers angeregt, klug, heimelig, und es blühte da eine Art, die sich nicht nachmachen ließ, weil sie außerhalb dieses Hauses eben nicht wuchs. Das war das Werk Dos. Und die blonde Frau Do war der helle Stern, der in jenen Tagen über dem Herzen Deutschland aufging. Sie war leuchtend, innig und schön. Aber verführerisch schön war Gwendolin. So standen sie nebeneinander: fröhliche Geistigkeit die eine, beseelte Sinnenfreude die andere. Die eine sonnig von Augen und Antlitz wie Märzhimmel – und sie konnte auch so kühl sein, wenn sie merkte, sie begegnete leerer Neugier –, die andere bald von träumerischer Melancholie, bald ein lachendes leichtgeschürztes Mädchen. Die eine liebte die geistreiche Unterhaltung, die andere wich einem galanten Flirt nicht aus; aber auch wo sie nur schelmische Zuschauerin war, begegnete sie sich mit Do und Jockele in dem Wunsch, einen Kreis erlesener Freunde um sich zu sammeln. Der blonde Graf Metting nannte das: »Frau Dos graziöse Kunst geistiger Geselligkeit.« Aber als wüßte er, daß er diesen Forderungen nicht allenthalben standhalten konnte, war er besorgt, sich durch seine frohe Laune unentbehrlich zu machen. Er war es auch, der für Gwendolin den Namen »Herzogin von Urbino« erfand. Die war die Freundin jener Isabella d'Este, die man in den Salons der Renaissance »la prima donna del mondo« genannt hatte. Und so machte Graf Metting in diesem Namen auch vor Frau Do eine ritterliche Verbeugung, mochte er nun für Gwendolin ganz passen oder nicht – was lag ihm daran? Da legte die neue Herzogin von Urbino den Finger längs der Nase – von der träumerischen Melancholie, die sie aus dem Fjord mitgebracht hatte, war dabei nichts zu merken – und taufte ihn Fra Mariano. »Man ist hier unheimlich gescheit,« sagte Metting, »denn man ist noch gescheiter als ich!« Damit rettete er für sich die Lage, und Gwendolin erklärte ihm: erstens wäre Fra Mariano der bestgelaunte und schlagfertigste Gesell am Hofe Leos des Zehnten gewesen, und zweitens hätte er niemals Damengesellschaft gesucht … also passe dieser Name für ihn in jeder Hinsicht.

Abneigung gegen Damengesellschaft – es war kostbar! Und bei dem »Fra Mariano« blieb es.

So war auch der Scherz artig und funkelnd. Und dennoch: Fra Mariano hatte seine liebe Not; da war nämlich noch der Schlachtenmaler Richard Schaffrath, ein stolzer ritterlicher junger Mann mit dunklem Vollbart und nachdenklichen Augen. Wie Frau Do war er kein Freund lärmender Feste. Er war in sich gekehrt, in allen Dingen das Gegenstück zu dem Grafen Metting. Anderswo spielte er gern den philosophischen Eckensteher; in diesem Hause gab's dazu keine Gelegenheit. Man beachtete ihn hier sehr, und er erschien allen in gleicher Weise anziehend. Und da war drittens noch Henrik Tofte – er war zwar nicht leibhaftig anwesend, aber: die Welt ist eine Nußschale; und so dauerte es gar nicht lange, da hatte Fra Mariano das große Licht entdeckt, das im Lande der Mitternachtssonne um das größere Gwendolins gekreist hatte. Natürlich war daran Kordula Gunkel schuld, die ihre Berichte von römischen Schlendertagen an Weimarer Freundinnen sandte.