Der Schlachtenmaler aber nannte Gwendolin »Flämmlein«; zuerst nur in den Erwägungen, die er wegen ihrer Wildrosenschönheit mit sich selber anstellte; dann auch vor den anderen.
So war jedes Zusammensein farbig und abwechslungsreich, und Frau Do bildete die reizvolle Vermittlung zwischen den Menschen von verschiedenster Art, die sich in ihrem Hause fanden.
Als im Februar – in Rücksicht auf das große Frühsommerereignis – die Gesellschaftsabende aufhörten, war die Welt für viele um ihren lieblichsten Glanz gekommen. »Was machen wir nun?« fragte Fra Mariano Gwendolin verzweifelt, als er ihr im Park begegnete. – »Wir arbeiten und halten Einkehr,« sagte sie; denn sie wußte, das waren zwei Dinge, mit denen sich Graf Metting sein Lebtag nicht gern befaßt hatte. Er gehörte auch nicht zu jenen, die an den Donnerstagen zu dem musikalischem Tee geladen waren. Dazu versammelten sich nur wenige, nur die Intimen des Hauses. Vor allen: der Literaturprofessor Salzer, ein älterer Herr mit grauem Vollbart und einer Hornbrille mit großen Rundgläsern. Er galt als Sonderling. Von ihm stammte das Wort: »Um von den Menschen dieser Zeit als Sonderling verrufen zu werden, dazu gehört weiter nichts als Natürlichkeit.« Er hatte viele tüchtige literarische Werke verfaßt, um die sich sein Zeitalter nicht kümmerte. Nur ein einziges Mal hatte er die nähere Umwelt in Erregung versetzt. Wenn er arbeitete – und das tat er in der Regel – war er nämlich sehr empfindlich gegen jedes Geräusch. Er hatte in allen bewohnbaren Einsamkeiten in und vor der Stadt sein Nest gebaut, aber stets war für ihn etwas zu wünschen geblieben, was er sich unmöglich versagen konnte. Vor allem liebte er des Tags einmal eine reich besetzte und vornehm ausgestattete Tafel; dazu ein Glas erlesenen Weins, den er aber nur bei der Mahlzeit trank. Er war ein wohlhabender Mann, und dennoch drohte an der Wohnungsfrage das Glück seines einspännigen Lebens zu zerschellen. Endlich machte er im Turme der Hofkirche zwei Stübchen ausfindig. Er mußte dahin einhundertneununddreißig Stufen emporklettern. Doch – das verschlug ihm nichts. Mit Hilfe der Großherzogin errang er die Wohnung im Turm, lebte seit Jahren hoch über allem Dasein und pries sich als den Glücklichsten der Menschen. Wahrscheinlich hatte er recht. Frau Do war seine himmlische Liebe. Man sah ihn an Donnerstagen immer zur gleichen Minute über die Sternbrücke schreiten, wo er in den kleinen Steig nach dem Horn einbog, und immer hatte er einen Strauß der schönsten Blumen in der Hand; denn Frau Do war seine himmlische Liebe! Vielleicht war es die einzige Herzensangelegenheit, mit der er sich in seinem Leben befaßt hatte. Und gerade damit stand er nun nicht allein. Aber das war damals noch nicht zu ahnen. Im Haus am Horn hieß er der Kürze halber »die Würze des Lebens«. Man verschwieg ihm das ebensowenig, wie er aus seiner himmlischen Liebe ein Hehl machte. Sein Name Salzer spielte dabei nur die Rolle des Zufalls; denn man hörte, sann und freute sich an ihm die kargste Stunde in helles Licht. Ohne den Professor war das Haus am Horn nicht mehr zu denken. Er kam, wenn er wollte, und war blank wie die Tante Veronika. So war er auch nach dieser Seite hin ein einziger seiner Art.
Außer ihm waren der Schlachtenmaler Richard Schaffrath und der Musikant Erich Meyer da. An Schaffrath schätzte er die gesammelte Kraft, an Erich Meyer die Bescheidenheit und Entwicklungsfähigkeit; denn Meyer – oho, wie war dieses Blümlein Wegwart über Winter aufgeblüht! Die Wandlung ging so weit, daß er selbst den klingenden Namen Meyer verloren hatte. Er hieß nun Cornelius, Peter Cornelius. Das hatte der Professor erfunden. Erich Meyer mit dem stracken Blondhaar und dem gut modellierten Profil sah auch geradeso aus wie der Komponist des »Barbiers von Bagdad«. Auch seine Kunst ging auf den gleichen Bahnen.
So flogen die zwei Stunden der Donnerstage rasch und tiefbeseelt vorüber und blieben freudig ersehnt von allen. Es wurde dabei vom gesamten schöngeistigen Erleben der Welt gesprochen; und es lag auch ganz in der Art dieser Menschen, von ihren eigenen Wegen zu reden. Nur über Jockeles aufgehendes Lebensziel wurde geschwiegen. Davon wußten für lange, lange bloß Do und Gwendolin. Aber der Same, den Do in jener jungen Zeit ahnungslos ausgestreut hatte, in der dem Jockele das Hirn brauste vor den Fragen: »was wissen Sie von Goethe, Schiller, Wieland, Wildenbruch?« dieser Same hatte ohn' Unterlaß gekeimt und Wurzel gefaßt. Das erkannten sie nun und wußten: damals war er gesäet worden, als Do dem Zigeuner Jockele die deutsche Literatur an einem Bindfädlein zum Fenster im Pflaumenwinkel herabgelassen hatte! Und vor dieser Erkenntnis legte der Doktor eines Abends seiner Frau den Arm um den Nacken und sagte zu ihr: »Was hab' ich denn nun, das mir nicht von dir gekommen wäre, du mein lieber Segen?«
Es wuchs vieles aus den sicheren Händen Dos – von Jockele gar nicht zu reden; denn der war sozusagen der nächste dazu. Bei dem sanften Erich war es zum mindesten kein Wunder, daß in ihrer schönen Sonne aus der Raupe ein Schmetterling, aus dem Meyer ein Cornelius wurde. In die vorweihnachtlichen Gesellschaften aber hatte er sich nur getraut, wenn ihm Do unweigerlich erklärte, daß er unabkömmlich sei. Das lag teils an seiner Außenseitigkeit, teils an seiner Außenseite. Deshalb gab ihm Do die Erklärung im Wintergarten, wo sie beide allein waren. Und eines Tages bekam er vom ersten Schneider der Stadt einen Brief; darin wurde er gebeten, sich Maß nehmen zu lassen zu zwei neuen Anzügen. Doch diese Einkleidung mußte mit einem großen Aufgebot von List vorgenommen werden: es wären Rester, erzählte ihm der Schneider. Das versöhnte den bescheidensten der Musikanten, langte aber nicht. Da mußte weiter gelogen werden: der Schneider habe ihn einmal Klavier spielen hören und darüber den Entschluß gefaßt. Das rührte den armen Menschen so, daß er den nächsten Donnerstag nicht erwartete, sondern gleich am Sonnabend aus dem Himmel seines Glücks in Dos Wintergarten fiel und es ihr als ein tiefes Geheimnis offenbarte. Do freute sich mit ihm. Und da sie gerade um die Pflanzen beschäftigt war, gelang ihr auch das nötige Aufgebot von Ahnungslosigkeit. »Nun passen Sie nicht mehr in die schiefe Dachkammer, Cornelius,« sagte sie.
»O, ich träume von einem Haus zum Alleinbewohnen,« scherzte er.
»Und ich von einem Stutzflügel für Sie,« sagte Do.
Da sank Cornelius in den Rohrstuhl …
»Nun ja, ich denke, Sie wollen eine Oper komponieren?«