Er hatte dreimal vergeblich bei Doktor Sinsheimer vorgesprochen. Nun ging er zum vierten Male hin. Da wurde er von Jockele mit weitoffener Fröhlichkeit empfangen: sie wären über köstlichem Schaffen, Gwendolin male den Vorfrühling von allen Seiten, seit vierzehn Tagen wäre sie in Ibenheim bei Tante Veronika …

Nein, es war kein Schatten Falschheit in diesem Lichte, das aus Jockele schien. Aber eine halbe Stunde später kam Gwendolin aus Ibenheim, und Fra Mariano fuhr gleich am nächsten Morgen hin. Fünf Tage später traf ein Brief von Tante Veronika ein; darin stand: es wäre seit einigen Tagen ein feiner junger Mann ums Haus gestreift, heute habe er sich ein Herz gefaßt und nach Gwendolin gefragt … er heiße Graf Metting.

Es war eine Pflicht, die die aufmerksame Tante Veronika erfüllte. Jockele und Do lasen diesen Brief mit großer Heiterkeit und schickten ihn durch Fritz hinauf zu Gwendolin. Als die aus ihrem Zimmer herunterkam, waren Professor Salzer und Erich Meyer schon da. Meyer berichtete von seinem Zusammenstoß mit Fra Mariano. Deshalb waren sie so ausgelassen lustig. Gwendolin aber hatte ihre melancholische Stunde. Sie lachte nicht, sondern sah Do mit ernsten Augen an und fragte: »Liebe Schwester Do, was soll ich denn nun tun?«

Der Winter mit seiner feinen Geselligkeit hatte in ihr einen mächtigen Wandel vollbracht. Wenn sie allein war und nachdenklich und wohl auch ein bißchen traurig, sah sie nun der Herzogin von Urbino viel ähnlicher als dem Flämmlein. Dies andere Leben hatte ihr wohlgetan. Sie sehnte sich mit heißem Herzen aus ihrem sorglosen »Junggesellentume« heraus. Da stand Dos und Jockeles großes Glück, da stand die lautere, geregelte und kluge Art dieses Hauses, da war … es waren da tausend Dinge, die ließen ihr nun keine Ruhe.

Es war von ihnen nicht mehr über Herzensangelegenheiten gesprochen worden seit jenem Tage im Fjord, der sich so grauenvoll über ihre Sonnenseelen gelegt hatte. Mit keinem Worte. Do liebte es nicht, bei jeder Gelegenheit Verbindungen zu erwägen. Sie hatte in solchen Dingen auch keinen Rat gewünscht, sondern hatte das mit ihrem Herzen und ihrer Klugheit ausgemacht. Und damals, auf dem Uferwege am Skjold, hatte sie mit Nachdruck ein Punktum dahintergesetzt, indem sie zu Gwendolin sagte: »Ich weiß kein Mädchen, das umworben ist wie du. Aber du kommst nicht dazu, deinem Herzen eine Aufgabe zu stellen.«

»Ich werde mich daraufhin einmal ansehen,« hatte Gwendolin geantwortet und: »Die Ehe ist eine verdammte Kunst.« Nun sagte sie: »Ich wäre euch dankbar, wenn wir heute statt des musikalischen Tees einen Familienrat hielten.« Sie setzte sich in den Ledersessel und dachte, sie hätte ein gefaßtes Herz. »Ich sehe, daß ihr auf meine Kosten vergnügt seid.«

»Auf Kosten Fra Marianos,« sagte Jockele. Professor Salzer lächelte so in sich hinein; er hatte für Graf Metting nie viel übrig gehabt.

»Das kommt auf eins heraus. Wie steht es mit mir? Es steht so: Ehemals habe ich meine Freiheit und Selbständigkeit sehr hoch bewertet – etwa wie ein reicher Mann seine Millionen; denn ich habe zu mir gesagt: dafür erstehe ich mir die halbe Welt. Dann kamt ihr und ließet mich mit euch ziehen. Ich bat euch damals halb wehmütig, halb lustig: eine schiefe Kammer werdet ihr in eurem großen Hause für Gwendolin, die Heimatlose, haben. Nun aber weiß ich: ich war in jener Stunde zum erstenmal ahnungslos. Ihr seid so lieb zu mir gewesen, und ihr habt das Leben angepackt mit euren guten und reichen Herzen, wie es mir nicht im Traume eingefallen wäre – das Leben und mich selbst. Und nun steh' ich vor euch mit leeren Händen und habe nachdenkliche Stunden. O, manchmal bin ich sehr traurig: darf das denn so weitergehen aus einem Jahr ins andere?« Da merkten sie, daß sich Gwendolins Herz auflehnte gegen sich selber und daß ihre Stimme zitterte. »Ach nein, liebe Do, spare dir deine Worte! Wie es in euch aussieht, das weiß ich. Aber jetzt kommt's wieder einmal auf mich an – endlich!« rief sie. »Mein Reichtum von einst – meine Freiheit – ist vertan. Ich mag ihn nicht wiedererwerben. Ihr habt mich ein Leben gelehrt, das ist schöner und beseelter … Ich bin kein Kindskopf. Deshalb hab ich mir nicht geschworen: dies Leben mach' ich euch in allen Stücken nach; aber ich habe mir gelobt: in meiner Art will ich euch ähnlich werden. Nun kommt Graf Metting und sagt, er liebt mich. Ist das nicht der Augenblick, in dem ich meinem Herzen die Aufgabe zu stellen habe? Liebe Schwester Do, was soll ich denn nun tun?«

Nach Gwendolins langer Rede mußte diese Frage kommen. Sie war peinlich – nichts als »ungeheuer interessant« war sie nur für Cornelius. Da meldete der Diener Herrn Richard Schaffrath, den Schlachtenmaler. Der hatte wichtigen Atelierbesuch gehabt …