Atelierbesuch? Ja. Nur: wie dieser Atelierbesuch ausgesehen hatte, das war nicht zu ahnen; denn der Maler, der nach fast den gleichen Maßen erbaut war wie Henrik Tofte, kam wirklich recht besuchsmäßig daher, feierlich und ungewöhnlich vorschriftsmäßig in Anzug und Behaben. Und so war seiner Aufmachung nicht anzusehen, daß er daheim im Malraum zwei Stunden lang einen Kampf ausgefochten hatte mit einem Menschen, der genau so groß und kräftig war wie er, der über genau einen so cholerischen Zorn verfügte wie er, und der gar noch Richard Schaffrath hieß! Nun kam dieser Herr so geruhig und blank gebürstet daher und sah aus, als wäre noch niemals ein Sturm durch ihn gefahren. Aber bis vor einer halben Stunde hatte er auf seinen Gegner einen heißen Zorn niedergehen lassen – just als hieße dieser Graf Metting und hätte einen Eid geschworen, dem Maler Schaffrath bei der schönen, schlanken, heißen und klugen Gwendolin den Rang abzulaufen. »Siehst du, das kommt nun von deiner wortkargen Art! Jetzt hat sich der Windhund ihr ans Herz geschmeichelt …« und so weiter – aber solche häßlichen Gedanken waren ihm nicht mehr anzumerken. Sondern er trat mit einer sehr höflichen Verbeugung zu Frau Do und rettete sich die Verzeihung für sein Zuspätkommen. Gwendolin aber wartete noch auf Dos Antwort. Und so schlug sie in ihrer bangen Ungeduld eine Brücke … »Wir spielen heut ein anderes Instrument, Herr Schaffrath,« sagte sie, »aber Sie dürfen zuhören.«

»Ah, ein neues Instrument?« – »Ja … meine verstimmte Seele,« sagte sie, »sie ist erstaunlich in Unordnung geraten … Nun, liebe Schwester Do?«

»Du sollst deine Beziehungen zu Metting abbrechen; denn in diesem Falle wäre die Aufgabe, die du deinem Herzen zu stellen hättest, zu groß. Gwendolin, du stehst mit deinen herrlichen Gaben viel zu weit fort von ihm, und du würdest in diesem blitzenden, aber flachen Wasser verdürsten.«

Gwendolin schwieg. Sie schwiegen alle. Und sie sahen, es hing eine verräterische Träne an ihrer dunklen Wimper.

»Do, ich wußte: so mußtest du antworten. Und dennoch hab' ich dich gefragt. Soll ich dir nun an den Fingern herzählen, was ich damit aufgebe?«

»Nein,« sagte Do, »das wissen wir. Aber ich will dir nennen, was du dir ersparst: die trostlose Mühe, die Kunst einer solchen Ehe zu erlernen. Fürchte dich davor, Gwendolin, fürchte dich vor der Reue ohne Ende!«

Da ging Gwendolin in ihre Zimmer und warf sich auf ihr Bett und weinte.

Die anderen saßen im Wintergarten noch lange beisammen. Schaffrath war noch schweigsamer als sonst. Jockele allein schupfte die Schultern. Er konnte zum erstenmal nicht ganz mit Do übereinstimmen. »Nun, es ist ja nicht das letzte Wort,« sagte sie, »Gwendolin wird ihre freudige Klarheit wiederfinden und mit sich selbst zu Rate gehen.«

»Ja,« sagte Jockele, »und es ist gut so. Es kommt mir vor, als entschieden wir ein bißchen selbstherrlich – schließlich: Fra Mariano bewirbt sich doch nicht um jeden von uns, sondern um Gwendolin.«

Danach ging Do zu ihr. Cornelius blieb am Flügel und träumte wunderliche Fantasien. Jakobus, Salzer und Schaffrath begaben sich in das Rauchzimmer. Der Doktor schickte seine Gedanken den blauen Ringen nach. »Die Sache ist qualvoller für uns als Sie denken, lieber Schaffrath,« sagte er. »Und was halten Sie davon, Professor?«