»O,« machte Gwendolin, »so ist auch das ins Wasser gefallen! Ich dachte schon: wenn Sie noch solch ein Ritter von der traurigen Gestalt wären, könnten wir zwei uns heiraten.«

»Ja, wenn ich es wäre!« scherzte Cornelius, »aber jetzt bin ich ein feiner Herr.«

»Und ich? Ich wandele mich allgemach zu einem Narren,« sagte Gwendolin bitter, »aber wofür ist denn Fasching? Freilich, die Herren haben sich einen sehr schlimmen Spaß mit mir erlaubt. Doch warum beklag' ich mich darüber?« Cornelius sah Do an, und er sah Gwendolin an. Und weil die merkte, Meyer war schuldlos, so begann sie zu erzählen in herzhaftem Spott gegen sich selbst … »Nun, wenn ich mich selber nicht mehr verhöhnen könnte, stünde es noch schlimmer mit mir.«

Aber Erich Meyer saß fast andächtig dabei.

»Und da lachen Sie nicht, Cornelius?«

»Nein,« sagte er, »denn ich warte auf die Geschichte von dem schlimmen Spaß.«

»Mensch, die hab' ich Ihnen ja soeben haarklein erzählt!«

»Ach so,« staunte Meyer, »und das nennen Sie Spaß?« Do begann zu begreifen. »Ein Spaß ist das ganz und gar nicht, Fräulein Gwendolin; denn der Brief Schaffraths ist schon seit drei Wochen geschrieben, nämlich: der Schlachtenmaler liebt Sie bis zur Selbstverlorenheit.« Und Peter Cornelius setzte neckisch hinzu: »Sehen Sie, darum hab' ich vorhin Ihrer freundlichen Aufforderung, Sie zu heiraten, nicht gleich Folge geleistet.«

Es kam nun eine Stille – die Uhrenpendel hörte man darin schlagen und die Herzen. Do aber legte die Gabel fort und faltete ihre beiden Hände im Schoße … »Sturmschwalben, Sturmschwalben, wo nehmt ihr den Mut zum Leben her?« Die Uhren tickten wieder und die Herzen. Gwendolin war aufgestanden und hinter Frau Dos Stuhl getreten. Sie neigte die Stirn auf Dos Schulter und umfaßte sie und sagte: »Ist es nicht gräßlich mit mir, Do? Die erste tiefe Liebe, die mir begegnet, halt' ich für einen schlimmen Spaß … Ist es nicht gräßlich?« Und Gwendolin weinte bitterlich.

Wäre diese Geschichte nicht wahr, sondern ein Roman, so würde es nun weiter heißen: »Drei Wochen später wurde die Verlobung mit großer Pracht gefeiert.« Dem war aber nicht so; denn als man Verlobung feierte, war man nur selbdritt beieinander: Gwendolin und Richard und eine zeitlose Frühlingsnacht, die lag so schmeichelnd, veilchenduftig und sammetschwarz über dem Weimarer Park, daß sie James King kurz und bündig »lächerlich« genannt hätte. Und wenn etwa einer nachträglich kommt und erzählt: es wäre bei Sinsheimers im Haus am Horn gewesen, und es hätte eine große Aufmachung von Licht, Kuchen, Wein und Musik gegeben, so ist das einfach nicht wahr. Sondern: wenn man von Goethes Gartenhause den Wiesenweg nach der Ilm geht und an der Ilm links weiter, so kommt man nach zweihundert Schritten an einen Wildapfelbaum mit tief herabhängenden Ästen. Unter dem Apfelbaume steht eine Bank. Auf dieser Bank war es. Und es gab weder Kuchen noch Wein noch große Festmusik, bloß Lieder ohne Worte und Süßigkeiten … Ferner: es war auch gar nicht drei Wochen später; denn Richard Schaffrath war ja schon beim nächsten musikalischen Tee wieder bei Sinsheimers, es war da sehr fein, und ein Narr wäre gewesen, wer behauptet hätte: am Donnerstag zuvor hätte Gwendolin Frau Do ihren heißen Schmerz auf die Achsel geweint und hätte gesagt: mit ihr wäre es gräßlich. Nein, nein. Die Geschichte unter dem Apfelbaum geschah in Wahrheit am darauffolgenden Samstag, abends von neun bis elf Uhr; und zwischen dort und jenem Donnerstag im Leid lagen zweimal die hundertneununddreißig Stufen der Weimarer Hofkirche am alten Friedhof, die Gwendolin zu dem Herrn Professor Salzer emporgestiegen war. Daraus ist zu ersehen, daß es sich für sie um einen ernsten und wichtigen Fall handelte; denn weder wegen James King noch wegen Mister Johnny, noch wegen Henrik Tofte hatte sie einen Fuß gerührt – des Jockele und des Unbekannten aus dem Ettersburger Zwetschengarten gar nicht zu gedenken! Fra Mariano aber stand in der Mitte zwischen Richard Schaffrath und der langen Reihe, von der ihr jeder den Jungfernkranz winden lassen wollte; denn wegen Fra Mariano war sie wenigstens in ihre Zimmer gestiegen, und Fra Mariano muß hier erwähnt werden, weil er schon auf dem Weg unter den Wildapfelbaum war und zu dem Fest als ungeladener Gast kam … Aber es war sehr finster im Park, und es sind viele Bänke dort; nach der richtigen mußte er erst eine Weile suchen. Er war noch an kein Vorhaben mit gleicher Unentwegtheit herangetreten; denn er wollte diesen Porträtmaler auf frischer Tat ertappen.