Es ist auch nicht bei der Wahrheit geblieben, wenn man wissen will: Gwendolin wäre in tiefer Zerknirschung und mit vom Weinen geröteten Augen unter dem Apfelbaum erschienen; denn zweimal hundertneununddreißig Turmstufen sind so lang wie zweimal hundertneununddreißig Jahre. Und Gwendolin, die weitoffene und gescheite Gwendolin, war viel zu ehrlich, als daß sie aus ihrem Herzen eine Mördergrube gemacht hätte. Weitoffen, klar und gescheit stieg sie gleich am Freitag früh nach dem verweinten Donnerstag zu Salzer, dem Turmwart, und sagte: »Ich wollte nur sehen, ob Sie über Nacht wieder herzugekommen sind.«
»O ja,« sagte der Professor, »Jockele, Schaffrath und ich haben bis gegen morgen im Turm einen respektablen Trunk getan. Aber: wollten Sie wirklich nur nachsehen, ob –?«
»Sie sind sehr neugierig,« sagte Gwendolin.
»Das kommt daher, weil ich für den Brief die Verantwortung übernommen habe.«
»Es war tapfer von Ihnen,« lobte sie, »mit den jungen Leuten hat man seine liebe Not.«
»Ja,« sagte der Professor.
»Morgen komm' ich noch einmal,« sagte Gwendolin, »ich möchte da Richard Schaffrath hier sehen. Übernehmen Sie die Verantwortung?«
»Ja,« sagte der Professor.
Am Samstag kam sie erst gegen Abend. Schaffrath aber hatte schon seit dem frühen Vormittag auf sie gewartet. »Sie müßten Engelein heißen,« sagte der Professor zu ihm. Es war Schaffrath sehr bange; denn er dachte: »Dies fixe wackere Mädchen wird meine Vorsicht als Feigheit ansehen.« Aber das tat sie nicht; sondern sie sagte sehr milde: »Nun, ich hätte es mit der Gwendolin wahrscheinlich anders gemacht. Wußten Sie denn nicht, daß ich in einer großen Gefahr schwebte?«
»Nein,« sagte er, »Sie konnten es auch für ein großes Glück halten.«