Sie war ans Fenster getreten. Es lag über den Dächern ein feiner grauer Nebel. Nur die Firste und Schornsteine guckten oben darüber heraus, und am Himmel gingen verheißungsfroh die ersten Sterne an. »Der Frühlingsmantel, den sich die Erde umlegt! Kommen Sie, wir wandern zusammen hinab ins Tal!«

»Nein, auf einen hohen Berg.«

Da gingen sie miteinander. Und nach einer Stunde kamen sie unter den Wildapfelbaum. Ein ganz dünner Streif Mond lag nun auf der Ilm als ein silberner Kahn. Darüber fiel Gwendolin James Kings Gespensterschiff ein, und sie erzählte dem Manne, der nun neben ihr saß, alle Liebschaften, die sie gehabt hatte in den acht Jahren, seit ihrem fünfzehnten, und wie sie umworben worden – von lange vor Jockele bis zu dem Grafen Metting. »In fast allen Fällen konnte ich gar nichts dafür – bloß die zwei Sachen in Ettersburg, die stehen auch mit auf meiner Rechnung. Aber du mußt nun alles wissen; mein Herz sagt einfach: es ist so in der Ordnung! Ach du, mein Herz ist ein so natürliche ungefaltetes Ding – rein zum Bangewerden! Wird dir nun bange davor?«

»Nein,« sagte er und wunderte sich, daß sie auch für das Erlebnis mit Henrik Tofte die Verantwortung ablehnte. Aber er redete nicht davon.

Da zog Fra Mariano des Weges. Er hatte sich in seinen Sommerüberzieher verkrochen und den Kragen hochgeschlagen und trug den Gehstock steil in der Rocktasche. Weil er am Apfelbaum so kecklich vor sich hinhüstelte, sagte Gwendolin: »Wenn Sie Lust haben, sich ein wenig zu uns zu setzen, Graf Metting – es steht Ihnen ganz und gar nichts im Wege.«

Es war zu merken: die da sprach, war die alte Gwendolin. Von ihr hat einer gesagt: sie hätte Stunden, in denen sie den lieben Gott besiegen könnte. Ja, so war das mit ihr. Metting hatte vorgehabt, den Überraschten zu spielen und beide zur Rechenschaft zu ziehen, aber »zu spielen« brauchte er nun nicht; denn das hier war keine Komödie – das war das Leben selber und forderte ihn auf den Plan. Und davor stand er, und wußte nicht, was er sagen sollte. Er setzte sich auf die Bank, rechts neben Gwendolin, und verkroch sich noch tiefer in seinen Überrock.

»Nun?« fragte sie, »was halten Sie von diesem Tatbestande, Graf?«

»Eins der vielen Abenteuer der Herzogin von Urbino,« sagte er sehr zugeknöpft. Er hätte sagen können, was er wollte – sie faßte ihn sofort am Schopfe und beutelte ihn … was wiederum nicht wörtlich zu nehmen ist.

»Ich weiß im Augenblick nicht, ob die Herzogin von Urbino Abenteuer suchte in dem Sinne, in dem Sie das meinen, lieber Graf. Aber das sag' ich Ihnen: durch die Ungewißheit ihres Schicksal ist jede Frau von ihrem sechzehnten Lebensjahr ab eine Abenteurerin …«