Darüber gerieten sie noch mehr in Lustigkeit. Erich Meyer aber hatte einen großen Tag und durfte hinausgehen und Wein kommen lassen, ganz nach seiner Wahl. Da entschied er sich für Sekt; denn Sekt hatte er in diesem Hause zum ersten Male getrunken, und Sekt stand obenan in der Reihe seiner unvergeßlichen Erlebnisse. Dann sanken sie in die braunen Ledersessel, und es war herzhaft und aufgetan wie in der Mädchenzeit.

Die Standuhr schlug die Mitternacht. Da horchten sie hin; denn es war ein schöner, weicher Klang und voller Andacht. »So ist es, wenn Kordula Gunkel zur Laute singt,« sagte Gwendolin und dachte an die Abende im Fjord. Sie dachte auch an Henrik Tofte; aber sie wollte nicht nach ihm fragen. War die dunkle Kordula damals nicht mit heimlichen Hoffnungen nach Rom gezogen? »Jede Frau ist eine Abenteurerin von ihrem sechzehnten Jahr ab.« Der Gedanke, den Gwendolin vor zwei Stunden dem Grafen Metting gegenüber ausgesprochen hatte, stand nun neben den vielen Lichtern, die in dieser Nacht ihre Seele hell machten, und sie fragte: »Kordula, warum bist du heute in unser Haus gekommen?«

»Daran ist dein glückseliger Brief schuld, Gwendolin.«

»Du, den hab' ich doch in der Woche vor Weihnachten geschrieben!«

»Jawohl,« sagte Kordula, »und es fehlte nicht viel, ich wäre gleich damals zu euch gekommen. Er war ein Stern in tiefer Finsternis. Ich habe nicht wieder geschrieben – nun ja, ich habe gewartet, bis ich meiner Sehnsucht nachfahren könnte …«

»Na, und Tofte?« fragte Jockele, »ist denn der nicht das große Licht in der Finsternis geworden?«

»Ja und nein,« sagte Kordula. »Ich war schon seit langem wandermüde, aber jetzt bin ich's doppelt. Gwendolin hat mir so strahlend vom Leben in diesem Haus erzählt, und das hübscheste war der Abschnitt ›Jockele und seine Frau‹. Seht, ich komm' auch aus einem solchen Hause! Als meine Eltern kurz hintereinander starben, wurde ich mit dem Haus abgefunden, mein Bruder empfing bares Geld, er ist Arzt in Bingen, und ich saß nun in Göttingen, und es kam mir vor, als wollte mich das Leben dort sitzen lassen. Da verkaufte ich meine steinerne Einsamkeit, kam nach Weimar und wurde Kordula mit der Laute. So lebt' ich mich zwei Jahre durchs Dasein. Ich ging an den düsteren Songefjord und ließ die traumhafte Herrlichkeit an meiner Seele abfärben. Als ich zu euch in den Hardanger Fjord geriet, da hatt' ich Heißhunger nach Sonne. Gwendolin hatte mir geschrieben: ›Wo Jockele und Do sind, da ist die Sonne.‹ Die Insel der Auferstehung lockte mich, dort wollt' ich mein Ostern feiern. Und als ich eintraf, hatte Rolf Krake die Kugel in die Sonne geschossen. Ich kam zu spät – aber ich kam zu rechter Zeit nach Rom. Da fand ich Henrik Tofte. Er hatte einige Wochen mit Mister Johnny in dem deutschen Gasthause ›Zur Post‹ zu Mittag gegessen. Mister Johnny war noch dort, aber es hatte Auseinandersetzungen zwischen beiden gegeben, und nun begegneten sie einander mit stummem Gruß, und Henrik speiste nicht mehr in der Post. Er speiste überhaupt nicht mehr – so schien's. Künstler, die ihn kannten, erzählten, er triebe sich in kleinen italienischen Weinhäusern herum; und einer wollte wissen: Henrik Tofte wäre Gepäckträger, und wenn ich ihn suchte – draußen am Bahnhofe könnt' ich ihn treffen. ›Großer Gott,‹ sagte ich, ›dieser Henrik Tofte ist ja aber ein Genie!‹ Da lachte man mich aus – Genies gäb's auf dem heißen Pflaster Roms massenhaft, aber die meisten bekämen das Fieber … Ich ließ also meine Reisetasche im Handgepäckschalter niederlegen, und tags darauf ging ich vor der Ankunft des Berliner D-Zugs zum Bahnhofe. Den Längsten unter den Gepäckträgern ersah ich mir. Er war blond und reckenhaft wie ein Skalde und trug die rote Mütze der Facchini. ›Wie heißen Sie?‹ fragte ich ihn auf norwegisch. Da zuckte er zusammen und schlug die Augen nieder. ›Tofte.‹ – ›So besorgen Sie mir die Tasche auf diesen Gepäckschein nach Via Gregoriana Nummer 5.‹ Auf meinem Zimmer in der Gregoriana hab' ich dann versucht, ihn instandzusetzen. Kinder, diese Geschichte hättet ihr erleben sollen! Eine Wohnung hatte er nicht. Aber Angelina Fabbro, die Witwe eines Postschaffners, bei der ich wohnte, hatte eine große Küche. Sie war sehr einsam, sehr faul und sagte, sie trauerte sich um ihren Emilio einen grauen Kopf. Angelina Fabbro ist sechsunddreißig Jahre … Nun: Kordula Gunkel stattete Henrik Toften aus, bis er wieder manierlich war an seinem langen Leibe. Schön und manierlich; aber Angelina liebte ihn, und er liebte sie. Sie ist rund an allen Enden, sie ist zierlich, und sie hat das Herz einer Römerin. Und Angelinas Küche ist groß, kühl und heimelig, wenn die grünen Sparrenläden vor den Fenstern liegen. In dieser Küche schliefen sie, in dieser Küche liebten sie einander und waren faul, wie man nur in Rom faul sein kann. Angelina Fabbro vermietet ihre Zimmer, hat ein kleines Witwengeld und führt ein gutes Regiment im Hause. Als ich mir über dies alles klar war, zog ich aus …«

»Römische Schlendertage!« sagte Jockele. »Die Geschichte ist zu Ende.« Er klang sein Glas gegen das Glas Kordulas, und seine Stimme war von frohem Klang; denn es war zu sehen: Kordula Gunkel erzählte nicht aus schmerzlichem Verzicht. »Die Geschichte ist zu Ende!«

»Nein, ich möchte sagen: sie geht erst los.«

»Sekt, Sekt, Cornelius!« mahnte Gwendolin, »Herrgott, Sie sind sich ja abhanden gekommen!«