»Ich finde so was furchtbar interessant, Fräulein Gwendolin« – das war Erich Meyers Erwachen – »denken Sie mal: Rom, Angelina Fabbro, rund an allen Ecken …« Cornelius merkte den lustigen Streich gar nicht, den ihm die gespitzten Lippen spielten … »wenn ich daran denke … nun: eigentlich dumm scheint Henrik Tofte nicht zu sein. Und diese famose Geschichte geht noch weiter, Fräulein Kordula?« Erich Meyer rieb sich die Hände. Dann goß er Kordula das Glas voll Sekt, ihr ganz allein. »Er will verhüten, daß dir die Lippen trocken werden,« bemerkte Gwendolin.
Ach ja, Cornelius war zum Ergötzen! Denn nun sprang er hinaus an den Flügel und griff leise, gebrochene Akkorde, wie aus einer Harfe, ehe das erwartete Lied ertönt … Und Kordula Gunkel sprach:
»Ich kann nicht sagen, daß ich darüber traurig geworden wäre. O nein, Henrik Tofte ist nicht ein Mensch, vor dem man so leicht traurig werden kann – höchstens ein bißchen wehmütig wird einem ums Herz, wenn man sieht, wie diese Fülle glänzender Gaben in den Staub fällt …«
Gwendolin sprang ihr mitten hinein in die Rede: »Das macht, man kann keinen Glauben an ihn aufbringen, nicht einmal den Glauben daran, daß seine unerhörten Gaben im Staube liegen bleiben könnten.«
»Ja, so ist es wohl mit ihm,« sagte Kordula, »denn als ich damals in Rom hinaus zum Bahnhofe ging und dachte: ›Nun sollst du diesen schönen und bedeutenden Menschen an der Ecke stehen sehen als einen Paria des Lebens,‹ da war mir, als hätte der Blitz in mein Herz geschlagen. Aber hernach? Es war eine fast gleichgültige Begegnung und war kaum anders, als wenn ich den Dienstmann Nummer 17 einen Weg schickte.«
Gwendolin hatte noch keinem Erzähler mit tieferer Hingabe gelauscht. Es war ihr – und so war es auch Do und Jockele – als reiche ihr nun das Leben die Bestätigung ihrer Klugheit von einst. Und sie sagte: »Das ist der Schadenersatz, den das ›Schicksal‹ dem Henrik gewährt für das, was es ihm vorenthält: man kann kein Mitleid mit ihm haben! Deshalb ist es ihm versagt, andere unglücklich an ihm zu machen. In dem Augenblick, in dem er auch das noch fertigbringt, wird er zum ersten Male an sich selber unglücklich sein.«
»Du kennst ihn sehr gut,« sagte Kordula; »denn als ich aus der Gregoriana fortgezogen war und in der Via Parma wohnte, war es mir, als wär' ich einem finsteren Verhängnis entronnen: ich war seit dem Tode meiner Eltern nicht mehr frohherzig gewesen, nun aber war ich's wieder. Es war zwar ein wunderliches Vergnügen, dem ich mich hingab, aber es war doch eins: ich baute mir in Gedanken das Leben Henrik Toftes aus den Stücken zusammen, die von ihm in der Welt herumlagen. Kinder, was wurde da für eine barocke Unmöglichkeit daraus! Alle Narrheit und Weisheit, alles Licht und alle Finsternis, aller Ernst und alle Kindsköpfigkeit, die je aus den Gedanken des großen Weltenbaumeisters hervorgegangen sind, hat er in diesen Überschwung hineingepaßt, der nun Henrik Tofte heißt! … Neugierig ging ich nach ein paar Wochen durch die Gregoriana – da war drunten am Torstein des Hauses Nummer 5 ein Schild in vier Sprachen angebracht: ›Institut für schwedische Heilgymnastik und Massage von Henrik Tofte.‹« …
Die Standuhr schlug Eins. Sie schlug in die verblüffte Stille, die genau so lang war wie der Uhrenschlag. Dann brach das Lachen los.
Frau Do aber ging hinaus und kam nicht wieder.