So drängte sich das Leben mit Ungestüm im Haus am Horn. »Das Dasein hat um Jockele und Frau Do ein ganz anderes Gesicht wie um andere,« bemerkte Cornelius mit einem Aufgebot von Wichtigkeit. Sie saßen in dieser Frühlingsnacht, bis der Morgen heimlich an die Fenster klopfte, und waren doch nur vier junge Menschen, die sich nicht einmal von anregendem Trunke locken ließen. Dann verfielen sie in ein lustiges Raten, woher das käme. »Es ist die Nachbarschaft Goethes,« sagte Jockele, und er hielt eine schöne Rede. Daran war zu merken, daß er vor der peinlichen Frage: »Was wissen Sie von Goethe?« längst nicht mehr zag zu sein brauchte. »Wer in Weimar lebt, hat die Pflicht, in jeder Woche einmal nachdenklich daran zu werden, daß Weimar das Herz der Welt ist – diese Erkenntnis wirkt auf die Seele wie ein Sonnenbad auf den Körper.«
»Alle Sinne werden wach, wenn man in das Reich der Frau Do tritt,« sagte Cornelius – »was ich bin und habe, dank' ich ihr allein,« setzte er hinzu. Er hatte leuchtende Augen. Und Kordula Gunkel war auf die Schwelle des Musikzimmers getreten und ließ ihre Blicke wandern. Es hingen da schöne und wuchtige Gemälde an den Wänden: der Folgefond, wie er sich spiegelte in den dunklen Wassern des Hardangerfjords – von Henrik Tofte. Es war ein königliches Bild. Es hing an der Wand im Speisezimmer der Skjoldefoß mit der Sägemühle – auch von Henrik Tofte. Groß und gewaltig in Farben und Auffassung. Es waren da Bilder von Gwendolin aus den Schären und Holmen; dann die Insel der Auferstehung, und der Anger im Walde von Ettersburg, den sie damals gemalt hatte, als Jockele vor ihr erkennen wollte, wie viel weniger er könnte. Und über den Flügel hin, als das einzige an dieser Wand, war ein Kopf Beethovens, gemalt von Richard Schaffrath – stark und tiefbeseelt hingestrichen, ward er zu einem Erlebnis.
O ja, es atmeten in diesem Hause Tat, Kraft und Wille zu Leben und Schönheit. Und Kordula Gunkel hatte nun fünf Jahre an sich vorüberstreichen sehen, fünf Jahre voller Dinge, die außer ihr lagen wie ein Film. Das Herz war ihr müde daran geworden und das Auge flimmrig. Darum lehnte nun Kordula an dem Pfosten der Tür und sagte: »Es ist schön und wunderbar – es ist ein Märchen.« Gwendolin aber schenkte die Reste des Sekts aus den Flaschen in ihr Glas und setzte sich samt dem Glas mit dem schäumenden Mützlein an die Spitze eines Zuges; denn die anderen marschierten hinter ihr drein und legten einander die Hände auf die Hüften. So schritten sie hinaus in das Zwielicht des Vorgartens. Die Luft war weich und voller Verheißungen; die Tulpen stiegen aus dem Rasen. So kamen sie bis vor den Erker mit dem grünen Kupferdach, der aus der Stirnseite des Hauses springt. Und Gwendolin hob das Glas und rief: »Schön und wunderbar bist du, du Reich der goldenen Do! Wunderbar bist du und schön wie ein Märchen, du Märchenhaus!« Und sie warf das Glas gegen den Stein, daß es jauchzend zersprang.
Da hatte das Haus den Namen, den es seit jener Stunde in der Stadt trägt und im Reiche und darüber hinaus; denn wo Do und Jockele regieren als König und Königin, das weiß die Welt.
Aber der irrt sich, der da meint: nun wäre die Geschichte alle, und Frau Do hätte doch nicht ganz recht gehabt, als sie sagte: es wäre bei ihnen immer schrecklich viel los; denn eine Woche danach – der Frühling brannte zeitlos gerade sein Eröffnungsfeuerwerk ab – hurra! da hatten sie im Märchenhaus ein kleines Mädchen. Das kleine Ding hatte es nicht erwarten können! Kunststück – wenn in der Welt an jedem Baum ein grüner Zettel angeschlagen ist: »Heute Einzug Sr. Kgl. Hoheit des Frühlings!« und wenn die bunten Fähnlein um alle Steine wehen und über dem Rasen flattern – ha, Kunststück! Und so war sie denn gekommen. Gwendolin, die als die einzige dabei war – denn Jockele rasselte in einem gefährlich fixen Auto durch die Stadt, und sein überfallenes Herz schrie um Hilfe – die Allerwelts-Gwendolin sagte hernach: »Du hättest dich gar nicht zu eilen brauchen, die Erbprinzessin sprang so vergnügt in die Welt – es fehlte bloß noch, daß sie heidi! rief.« Damit gab sie auch Dos Kindlein den Namen – in diesem Falle warf sie aber kein Sektglas nach ihm. Sondern das war ein lustiger Zufall; und es lag in diesem Namen ein so köstliches Befreien von der Überrumplung, die sich die kleine Heidi geleistet hatte. – Eine ähnliche Sache hatte sie sich auch für späterhin vorbehalten, als sie die Buschgroßmutter besuchen ging … Das war ein sehr aufregendes Unternehmen.
So war Heidi das Frühlingskind das wichtigste Ereignis seit der Taufe des Märchenhauses. Die ruhevolle Kordula Gunkel erklärte: »Es ist nicht nur ungeheuer viel los bei euch, nein, die Tage schießen in Kopfstürzen über eure Stiegen.« Und damit hatte sie recht. Um so mehr wunderte sie sich, daß von einem Jahrmarktsrummel in diesem Hause beim besten Willen nicht geredet werden konnte; denn es wohnte besinnliche und gesammelte Freude am Dasein darin; und die ist immer leise – zum Unterschiede vom Haus mit der Harfe, wo man zu den Fenstern heraussang, und wo der Knabe mit der roten Zipfelmütze sogar an einem Wintertage mit verbürgten 17 Grad Kälte vorm Gartentore an seinen Liedern in die Luft kletterte.
Der ganze römische Winter war für Kordula nicht so voller Ereignisse gewesen wie die erste Woche im Märchenhaus: Gwendolin verlobte sich; Jockele arbeitete mit geheimnisvoller Hingabe an seinem Werk über die Flechten – so hieß es. Dann aber stellte sich's heraus: er hatte einen Roman begonnen. Man riet sich über dem Titel und über seinem Stoff leuchtende Augen und Herzen und riet daneben. An den Abenden fehlte zwar die Märchenkönigin Do; aber Cornelius, Schaffrath und der Professor Salzer waren dreimal da, und man sprach von der Nachbarschaft. Es gab für die Leute im Märchenhause nur einen Nachbar: Goethe. Man brauchte ja bloß zum Fenster hinauszulugen, da blinzelte das heimelige Schindeldach durch Busch und Hecken … An einem dieser Abende war auch Erika Flucht da; denn auf den Spuren der endgültigen Fassung des »Faust«, die Goethe im benachbarten Gartenhang vergraben haben sollte, erschien mit jedem jungen Jahr, sobald die ersten Lerchen schwirrten, dies Mädchen schön und wunderbar. Kordula wußte aus dem Jockelebuch, was es damit für eine Bewandtnis hatte. Und Fräulein Flucht war noch immer nett und so überzeugt von ihrer literarischen Sendung wie vor Jahren. Die kluge Do aber blieb diesmal für sie verschollen. Dagegen fand Erika Flucht in Salzer einen geistvollen und launigen Zweifler. An ihrer Unentwegtheit änderte das nichts. Aber die Menschen im Märchenhause waren so, daß auch das Mädchen aus der Fremde ein Ereignis unverkümmerter Freude blieb. – Dann wachten die grünen Wasserfrösche auf, die Jockele noch am letzten sonnigen Herbsttag in Belvedere gefangen und in seinem Gartenteich angesiedelt hatte. Alle Bewohner und Freunde des Hauses versammelten sich dazu. Nur Jockele war nicht mehr so bei der Sache wie am Karauschenteich in Norwegen – nun ja, es gab in dieser Woche für ihn mancherlei Ablenkung. Aber es half ihm nichts: der ansehnliche Stoß Papier, den er den Froschlurchen zuliebe vollgeschrieben hatte in naturforscherischem Bemühen, durfte nicht unter den Tisch fallen. So nahm er Messungen über den Ernährungszustand des grünen Teichvolks vor: es war genau so dick in den fünfmonatigen Winterschlaf gegangen! Er fütterte sie mit Regenwürmern, sogar kleine Molche ließ er sie vertilgen; und als sie am dritten Tage Jockeles Schritt auf dem Gartensand hörten, hüpften sie ihm entgegen und nahmen die Würmer aus seiner Hand. Nicht zu glauben – und dennoch eine Entdeckung rührender Intelligenz der grünen Teichmänner, von der die gesamte Literatur keine Ahnung hatte! Jockele war davon so überrascht, daß er die wonnevollen Frühlingsmittage dieser Woche in forschendem Spiel am kleinen Gartenteich verbrachte. Darüber mußte der Rausch des Dichtens in die Einsamkeit der Nächte verlegt werden. Und es hätte niemand so leicht davon erfahren, hätte nicht Kordula Gunkel das Geheimnis erspäht …
Dies alles fiel in die Woche vor Heidis Sprung in die Welt – der Gwendolin und ihres Schlachtenmalers gar nicht zu gedenken! Zu allem: Kordula Gunkel war mit ihren Freuden seit ihrem Auftauchen im Märchenhause keineswegs bloß neben die anderen gestellt – nein, nein, die fünf Jahre waren für sie vorbei, die ihr Augen und Herz flimmrig gemacht hatten, weil sie immer nur zugucken durfte!
Daran war Erich Meyer schuld. Auch an dem Hausschlüssel, den die dunkele Kordula besaß. Jockele hatte ihr verständnisvoll seinen eigenen gegeben. Es hatte sich nämlich herausgestellt, daß der blonde Erich mit Eintritt der Dunkelheit von einer Schaffenslust befallen wurde, die er am Tage nicht ahnen ließ … Das kann hier nicht verschwiegen werden, verwahrt sich aber im vorhinein gegen jede lästerliche Deutung; denn im Grunde genommen war diese Eigentümlichkeit Meyers im Märchenhause längst bekannt.