»Ja,« sagte die – »so ähnlich; die Liebe ist ein Geist; sie lernt erst reden, wenn du ihr ein Zeichen gibst.«
Es ist nicht festgestellt worden, ob die gefährliche Gwendolin dem Jockele eine Andeutung gemacht hat – der Hausschlüssel lag gleich danach auf dem Tisch in Kordulas Zimmer.
Es war zwischen den Mädchen nicht mehr von dieser Sache gesprochen worden. Aber Kordula dachte darüber nach. Gwendolins Weisheit von der Abenteurerin fiel ihr ein – die Gwendolin war doch ein mortsgescheites Mädel!
In der Dämmerung saß Kordula am geöffneten Fenster und ließ die hohen Maßholder und die ersten Sterne sacht über sich aufblühen. Es knirschten Tritte im Wegsand unter den alten Bäumen. Da steckte Kordula Gunkel den Hausschlüssel in die Tasche, nahm ein Schultertuch und ging ein bißchen in den Garten.
»Sieh da, Herr Meyer! Gehen Sie oft hier ums Märchenhaus spazieren?«
»O nein. Ich dachte, vielleicht träfe ich Jo oder Gwendolin oder sonst einen lieben Menschen. Man hat sich schon so daran gewöhnt. Früher hab' ich nach niemandem Sehnsucht gehabt.«
Kordula blickte ringsum und sah die Kastanien des alten Schießstands. »Sagen Sie, Herr Meyer, was ist denn eigentlich da oben? Es ist da eine Reihe so schöner Kastanien.«
»O,« sagte Meyer, »man kann von da aus recht gut in mein ›Landhaus‹ gelangen, wenn man nämlich durch die Schlüpfe im Zaune geht, wissen Sie – wo Minchen Herzlieb aus dem Jockelebuch den blühenden Mandelzweig zwischen den Zinseln hindurchgesteckt hat, und wo die Kastanie steht, in die Jockele damals seine Liebe eingeschnitten.«
»Aha,« sagte Kordula, »wollen Sie mich da nicht einmal hinführen?«