Es war recht jämmerlich in dem Häuschen. Aber Erich Meyer fand es herrlich. Es war viel jämmerlicher als in jenen Tagen, in denen Jockele dort gewohnt hatte. Was darin stand, hatte Meyer des Abends von Do herübergetragen. Der Stutzflügel füllte das Vorderzimmer, daß fast kein Platz mehr blieb. Aber mit einiger Mühe gelangte man zwischen Wand und Flügel hindurch in den Schlafraum. Da war neben dem Bett auch nur ein schmaler Gang, in dem aller möglicher Kram aufgestapelt lag. Erich Meyer hatte die kärgliche Stehlampe angebrannt und leuchtete an den Dingen verliebt herum.
So sah das Leben Erich Meyers aus. Es war ein Haufen Gerümpel, und mitten darin stand der glänzende kleine Flügel. Aber es war zu merken: eines Tages würde auch er untergegangen sein in den Dingen, die sich um ihn sammelten. Der Flügel stellte Meyers Herz dar, und das ganze kleine Haus Erich Meyers Leben.
Und doch wurde Kordula Gunkel sehr vergnügt an allem, was sie sah. Genau so hatte es ihr Gwendolin schon erzählt. Fünf Jahre lang hatte sie vor ihrem Leben gestanden, wie viele Mädchen, und hatte dies Leben gefragt: »Was soll ich denn nun tun?« Und dies Leben hatte vor ihr gestanden und die Schultern gezogen. Aber in dieser Nacht sagte es zu ihr: »Weißt du nun, was du tun sollst, Kordula Gunkel? Du bist vor einem halben Jahre nach Rom gefahren und hattest den Mut, etwas viel Schwereres zu vollbringen. Weißt du nun, was du tun sollst?«
Ja, sie wußte es. »Du,« sagte sie, »da müssen wir gleich beginnen, alles fest in die Hand zu nehmen.« Sie rückte den Stuhl neben den Klaviersessel Meyers, und sie fingen an zu rechnen und Pläne zu machen, und Kordula preßte die Pflugschar zur ersten Furche in das verqueckte Land.
Es war so, wie wenn ein Mann einen Acker gekauft hat, auf dem seit Menschengedenken Sommer und Winter wachsen und ruhen ließen, was Wind und Sonne an gutem und wildem Samen in die Scholle geworfen haben nach ihrer Wahl.
Und am Ende der Woche, in der dies alles geschah, kam Heidi das Frühlingskind.
Kein Wunder, daß Gwendolin und Kordula in der Pflege um Do wetteiferten. Sie wechselten in den Tag- und Nachtwachen ab, und sie wußten nun alle drei, daß sie von dieser Woche noch zärtlicher aneinandergekettet worden und daß ihr Leben auf einmal ein ganz anderes Gesicht bekommen hatte. Die Herzen der Mädchen hatten heimgefunden und sahen eine schöne lichte Straße, von der sie nun sagten: hier müssen wir wandern. Und die gütige und weise Frau Do, die sich seit der Mitte des Winters in beseligtem Erwarten ein wenig zur Seite gestellt hatte, fühlte nun wieder inniger mit den Mädchen. So waren sie sich in vollerem Glücke nähergerückt. Es gab neue Pflichten im Hause für Kordula und Gwendolin, Pflichten, die sie heimlich ersehnt hatten, um Do und Jockele ihre Dankbarkeit zu bezeigen. Und über allem schwebte die fröhliche und doch wehmütige Zuversicht: in ein paar Wochen wäre dies neue Leben schon wieder von einem noch neueren verdrängt. Danach würden sie zusammenkommen als drei junge Frauen, jung und glückselig und voller Erfüllungen und Geheimnisse …
So lief die Zeit. Es war anders geworden in allen Dingen, seit Heidi das Frühlingskind Einzug gehalten hatte. Aber ein liebes heimeliges Märchen blieb's, ja, es war noch lieber und heimeliger als zuvor. Do fand das richtige Wort dafür und sagte:
»Es ist ein Sommer der gekrönten Sorgen. Wißt ihr noch, wie wir damals im Blockhaus auf der Osterinsel schon einmal an Hochzeit und kleinen Ausstattungen bauten? Es ist jetzt viel schöner. Es ist jetzt so, wie ich mir dachte, daß es sein müßte – wir sind jetzt erst alle drei daheim,« setzte sie in ihrer goldenen Innigkeit hinzu.
Darüber wurden Sommer, Leben und Menschen immer fertiger und schöner.