Zuerst hielten Meyers Hochzeit. Es war im Juni. Sie mieteten das kleine Haus am Park, das vor Oberweimar an das Birkenwäldchen hingelehnt ist. Man muß nur immer die breite Straße weiter gehen, die an Goethes Gartenhause vorüberführt – da ist es dann das erste linker Hand. Auch wenn man abends vorbeigeht, erkennt man es gleich: hinter zwei Fenstern des Oberstockwerks brennt eine grüne, hinter den zwei anderen eine rote Lampe. Bei der roten sitzt Erich Meyer und verdichtet sein junges Glück in Tönen. Kordula ist eine kluge, ruhsame und frohbewußte Frau. Deshalb steht Erich Meyer in voller Blüte. Er ist nun Lehrer für Komposition und Klavier an der Musikschule.
Na, und Schaffraths? Die warteten noch auf das Haus, das in dieser Zeit als Nummer 15 am Horn gebaut wurde. Sie wollten sich alle nahe bleiben und auch in der Nachbarschaft Goethes, damit die grüne leuchtende Parkstille ihnen durch Fenster und Herzen schiene und dazu die freudige Blüte des Lebens, die im Märchenhause gedieh.
So lebten sie bis tief in den Sommer hinein, und doch hatten die Tage schnellere Flügel als je zuvor. Wie sich einer an den anderen reihte in sommerlicher Helligkeit, waren Gwendolin und Do mit der kleinen Heidi schon von morgens an unter den Bäumen des Gartens, oder sie saßen auf dem Platze mit dem weichen geschorenen Rasen. Es war für jede Stunde des Tages eine Stelle gewählt, an der es ganz besonders herrlich war.
Jockele war nur mittags oder abends in ihrer Gesellschaft. Die Monographie über die Froschlurche hatte er nun fertig und einem Verleger übergeben. An dem Werk über die Flechten arbeitete er in dieser Zeit nicht; es brauchte dazu noch weiterer Forschungen.
So saßen sie auch einmal nach Tisch im Garten zusammen: Do, Jo und Gwendolin, die die kleine Heidi auf dem Schoße hatte. Da planten sie die »Flechtenreise«, die recht breit und besonnen sein sollte wie ihr Leben. Jockele wollte nämlich mit Do und seiner Tochter in einem Kutschwagen in das Fichtelgebirge reisen, dann die Kammstraße des Erzgebirges entlang fahren, an den Hochmooren zwischen Böhmen und Sachsen dahin, und so immerfort nach Osten bis in das Riesengebirge. Sie dachten, es könne ein ganzer Sommer über jener Wagenfahrt dahingehen; aber in dieser Zeit fingen sie die Reise in ihren fröhlichen Gedanken schon an. Sie sprachen davon, was sie mitnehmen müßten, wiewohl es bis dahin noch vier oder fünf Jahre dauern würde, und sie malten sich aus, wie sie zu dritt ganz langsam durch die Herrlichkeit der Bergwälder rollen wollten. Das wäre dann eine sehr neumodische Art zu reisen; und eine neumodische Art, wieder zu dem Genuß einer Reise zu gelangen und nicht nur zum Behagen am Ziele. »Es gehört Zeit dazu,« sagte Jockele, »es gehört auch Zeit zum Leben. Die Menschen haben diese fröhliche Muße verloren, aber ich will sie für euch und mich erringen, selbst auf die Gefahr hin, vor der Welt ein Narr zu heißen.«
Do sah Gwendolin an. »Merkst du, wer ihm das eingegeben?«
»Aha,« machte Gwendolin und tat den Jasminbusch ein wenig auseinander, »schaut da nicht die Tante Veronika heraus?«
»Natürlich,« lachte Do.
»Und gleich neben ihr der Zigeuner,« sagte Jockele. »Wißt ihr: den Kunstzigeuner hab' ich immer ein bißchen verächtlich angesehen – auch wenn er wirklich mal ein Genie war wie Henrik Tofte; die Gwendolin ist ja ihr Lebtag viel zu besonnen dazu gewesen – aber das Gottesgeschenk der echten Zigeunerseele, das will ich mir wohl wahren! Denn es ist eine Gnade, die ich vor anderen Menschen habe – ich ganz allein. Ganz richtig zu leben verstehen eigentlich nur die Zigeuner,« scherzte er. »Aber zu solch einem Auserwählten hat's bei mir nicht gelangt. Die Maljahre waren eine Hatz. Dabei wär' ich um mich selber gekommen – es war ein Irrtum aus lauter Sehnsucht! Na, und dann tat Do ihre Segenshände auf und erschuf mich vollends zum Menschen. Da wurde der Naturforscher aus mir – es war wieder ein Irrtum aus Sehnsucht. Aber er war heilsamer. Und nun kommt das letzte: dies letzte ist der Dichter. Es ist die Sehnsucht, jeden Tag dem lieben Gott einmal mitten hineinzusehen ins Herz! Wem anders könnte diese Sehnsucht Erfüllung werden als dem Dichter? … So ist ein gerader Weg von dem Findling auf der Schwelle des Frühlingshauses am Walde über den Malmenschen mit seiner Unrast, dann über den Naturforscher, der in das Räderwerk der Schöpfung eindringt – ein gerader Weg bis hin zum Dichter. Und es ist ein gerader Weg von dem Herzen der Zigeunerin durch das Herz der Tante Veronika über das Herz Dos an das Herz Gottes – hinter dieses Geheimnis bin ich heute gelangt. So. Und da habt ihr die viererlei Gnaden meines Daseins! Aber die Zigeunerseele, das Herz Dos und Heidi das Frühlingskind fahren wir mal ins Riesengebirge spazieren.«