Danach schlug sich Jockele in die Büsche gegen das Haus hin. Er wollte wieder in sein Arbeitszimmer gehen. Auf der Straße flimmerte die Sommerluft, die Frösche saßen am Teichrand und plumpten schon längst nicht mehr ins Wasser, wenn Jockele vorüberschritt. Da tauchte auf einmal ein Mensch über den Zaunlatten empor und warf ein paar machtvolle Arme in die Luft …
»Henrik Tofte!«
Dieser Name stürzte in den Mittagstraum unter den Bäumen wie ein Stück Fels. Do sprang auf. Gwendolin duckte sich ein wenig, dann preßte sie Heidi fest ans Herz und lief Do nach. Wahrhaftig! Im Torweg standen sie: Henrik Tofte und Jockele. Und der Besitzer des »Instituts für schwedische Heilgymnastik und Massage« in Rom schwenkte seinen echten Panama, sah aus wie der liebe Gott, als er dreißig Jahre alt war und noch den blonden Vollbart trug, und hatte sich zu diesem Besuch im Märchenhaus einen nagelneuen Sommeranzug machen lassen.
Aber es war zu merken: auch ohne diese Nagelneuheit hätte er vollwertig ausgesehen. Ein Mensch, um den die Mädchenaugen flogen wie Sommervögel, war er schon immer. Selbst die rote Mütze des welschen Gepäckträgers hatte dem wenig Eintrag getan.
Und nun war es Heidi das Frühlingskind, das den drei Erwachsenen über das Herzbeben hinweghalf. Sie saß da auf Gwendolins Arm in ihrem himmelblauen Kleidchen, streckte dem machtvollen Manne die Ärmchen entgegen und jubelte ein helles Lachen um ihn. Das hatte sie vor einem Fremden noch nie getan. Und sie machte das so reizend – was ringsum lebte, jauchzte mit. Da kriegte Tofte das himmelblaue Menschlein zu packen, und es hing an seinem Herzen wie ein kleiner blauer Schmetterling an einem Eichstamm und schlug vor lauter Sonnenfreude mit den Flügeln. Es faßte ihm in den Nordlandbart und patschte ihm ins Gesicht, und dem blonden Riesen liefen die Augen an vor einer Handvoll Kleinkinderglück.
Gwendolin lockte Heidi und wollte ihn von ihr erlösen; Mama wandte ihre süßesten Liebkosungen an, aber Heidi blieb für alle verloren. Sie hatte ihre Ärmchen auf Toftes Achsel gelegt und sah aus, als wollte sie, vereint mit ihm, ihr Jahrhundert in die Schranken fordern.
Dem Henrik Tofte gefiel dies holdselige Wunder ungemein. Ein bißchen bänglich war ihm aber doch, und er fragte, ob er an dem Kleinen etwas entzweimachen könnte …
Das war wieder einmal so bärenmäßig lieb von ihm, daß er für die Damen zu seiner vollen Siegergröße emporwuchs. Und beruhigt setzte er sich mit Heidi in Bewegung nach dem Schattenplatz unter der Ulme, wo schon die Wildrose die Hagebutten aufsteckte. Heidi aber blieb bei ihm, bis sie sich müde staunte an seinen Übermaßen. Gegen seine sichere Brust gelehnt, schlief sie ein. Da legte man sie in den Wagen und fuhr sie ein bißchen seitab unter die Bäume; denn Henrik Toftes Stimme dröhnte wie der Skjold.
Gwendolin war rasch einmal ins Haus gesprungen – einer Erfrischung wegen, die Fritz alsbald auftrug. Aber sie hatte ihm auch befohlen, danach gleich zu Frau Kordula zu laufen – Gwendolin brauchte durchaus eine Seele, die sie von der elektrischen Spannung befreite. Ihre Gedanken wirbelten durcheinander wie Herbstlaub, und in ihrer Not verfiel sie auf Kordula. Unter dem Blätterfalle fand sie sich wieder zur Ulme.