Sie fand Jockele und Do fröhlich und gefaßt. Da wollte sie nicht zurückstehen. Henrik Tofte saß in himmelheller Aufgetanheit dabei, rauchte eine Zigarette und erzählte.
Gwendolin sagte:
»Ich glaube, es kommt vor Abend ein Gewitter – die Frösche hupfen.«
Dazu schwieg Do. Aber Jockele lachte die Gwendolin ahnungslos aus und sagte, vor Witterungsverhältnissen ginge alle Frauenweisheit in die Brüche.
»… ja,« fuhr Henrik Tofte fort, »so war Angelina Fabbro ein etwas wunderliches Erlebnis: ich machte mit ein paar Leuten Heilgymnastik und sie nahm das Geld dafür ein, kaufte sich Spitzen und Süßigkeiten. Aber was wollen Sie: Angela Fabbro war eine Römerin! Da hab' ich mich von ihr fortgemalt. Mit dem Frühling bin ich losgezogen: er und ich, wir nahmen unser Malzeug untern Arm, einer so reich an Geld wie der andere, und im Mai gelangten wir in die Bäder von Lucca. Dort setzte ich mich instand, so gut es nach zwei Monaten meiner Wanderfahrt in welschem Straßenstaube ging. Ich kam gerade zur rechten Zeit. Ich malte da ein Fischermädchen am Strand – vielleicht hatt' ich einen guten Tag, vielleicht warf mir das Schicksal einen Dummen zu: eines Morgens stand in der Bäderzeitung ein Aufsatz ›Henrik Tofte als Erzieher‹ …«
Es trat eine Unterbrechung ein: stürmischer Beifall auf offener Szene; denn »Tofte« und »Erzieher« waren Begriffe – klafften da nicht Himmel und Hölle dazwischen?
Nach einer Weile fuhr Tofte fort: »Es wäre ein neuer Stern am Himmel Italien aufgegangen, eine unerhörte Begabung säße am Strande, ein Porträtmaler, dessen machtvolle Kunst wert wäre, vorbildlich zu sein für die Welschen« … Tofte sprach mit den Worten der Zeitung. Weiter aber führte er nichts zu seinem Ruhm an; und es war zu sehen: selbst das kostete ihm einen Aufwand an Kraft; denn Henrik Tofte hatte nicht zwei Vergrößerungsgläser im Kopfe, wenn er sich selbst betrachtete. »Nun, ich kannte weder den Aufsatz noch seinen Schreiber. Und als ich davon erfuhr, dacht' ich: es ist ein Reklametrick der Bäderverwaltung – ähnlich wird sie es jedes Jahr machen. Fortan war ich umdrängt. Was ich in Lucca gemalt hatte, verwandelte sich in ein paar Stunden in Gold. Nach drei Wochen besaß ich siebentausend Lire. Vielleicht hätt' ich siebzigtausend machen können. Aber die Luft von Lucca ist gefährlicher als die von Rom, und das Malen ist eine verdammte Kunst. Nach drei Wochen hatt' ich es satt. Ich wollte einfach nicht mehr, nein, ich wollte nicht! Was kann man da machen? Es kam eine kleine Modellgeschichte dazu, aus der ein großer Skandal wurde. Ich schwur einen Eid, nie mehr im Leben einen Pinsel anzufassen, warf meinen Malkasten ins Meer und verschwand. Diesmal per Bahn. Ich hatte gedacht: reich sein wäre schön. Nun war ich reich, fünf Wochen lang unbändig reich; denn ich kam mit annähernd dreitausend Lire nach München und lebte meinem Freunde Johnny mal was vor. Johnny befleißigt sich nämlich an der Isar der Bildhauerei; neuerdings modelliert er eine Giraffe; er träumt aber von einem Löwen … Und wie ich so im besten Leben bin, da wählt sich das Schicksal den Rolf Krake aus! Er schreibt mir einen Brief und fordert mich auf: Tofte, fahren Sie nach Weimar und malen Sie Frau Do für mein Haus auf der Insel! Ich schrieb ihm: Lieber Krake, mit dem Malen ist es vorbei. Aber hartnäckig wie das Schicksal ist, läßt es ihn wieder auf mich los. Da ist der Brief – Rolf Krake mag reden, verehrungswürdige Frau Do! Er ist der Mund meines Schicksals, und dies Schicksal spricht:
›Mit Ihrer Nachricht von dem jüngsten Eide, durch den Sie sich der Malerei abgeschworen, teuerster Tofte, haben Sie den stärksten Heiterkeitserfolg gehabt. Die Augen müßten Ihnen ja auslöschen, Genie, wenn Sie Ihren Schwur halten wollten! Ich brauche das Bild der blonden Frau Do in jedem Fall, und ich weiß, sie wird ihrem wunderlichen Freunde von der Insel der Auferstehung diesen Wunsch nicht versagen. Das Bild ist für die Nordwand im Krakesaal bestimmt. Ich habe dort zwischen den beiden Mittelfenstern dunkelblauen Samt anschlagen lassen. Es ist auch ein Vorhang aus dunkelblauem Samt angebracht worden, der in schwerem Faltenwurfe über das Kunstwerk gezogen werden kann; denn kein fremdes Auge soll dies Bild erschauen. Ich selbst aber will des Tages eine Stunde davorsitzen, und dann soll der blaue Samt es mir nicht verhüllen. Ich habe alle Götter abgesetzt, um die ich mich dereinst bemüht habe. Aber zu jener blonden Frau Do kann ich noch beten.
Sie fragen nach mir. Ja, ich bin gesund wie je, wenn ich allein war. Nur vor Menschen wurde ich krank; deshalb gehe ich nicht mehr zu ihnen – nie, nie, nie! Ich habe seit dem Tage meiner Rückkehr aus Hamburg die Insel nicht mehr verlassen und werde sie nicht mehr verlassen. Ich habe sie von Nane Thord erworben. Die soll hier wohnen bleiben bis an ihr Ende. Das Mädchen Marit habe ich zurückgerufen – wenn es einmal käme, daß Nane Thord einer Pflege bedarf. Der große Anbau ist nun mein Büchersaal. In Gwendolins Zimmer steht die Drechselbank, aber ich brauche sie fast nie mehr, vielleicht im Winter. Ich benütze alle Räume für mich. Nur in jenem, in dem Sie gelebt haben, teuerster Tofte, ist alles unberührt geblieben. Oft, wenn ich an der verschlossenen Tür vorübergehe, muß ich denken: es wartet dahinter auf Ihre Rückkehr. Ich habe Marit Anweisung gegeben, daß Sie zu aller Zeit Zutritt zur Insel haben. Der Schlüssel hängt im Turmzimmer am rechten Fensterpfosten.