Henrik Tofte stand am Anfang einer neuen hellen Straße und hub an zu wandern – ganz ohne Rausch und Plausch, ganz ohne Traum und Schaum und ganz ohne Mahnung und Ahnung: es war das leibhaftige Wunder! Aber er wußte es nicht. Wußte nichts von dem neuen Wege, schwur keinen Eid und fühlte nicht, daß, der da saß vor der flimmernden Stille der Nacht, ein Mann war, der ihm zeit seines Lebens noch nicht vor die Augen gekommen: sondern er dachte: dieser Mann ist der blonde Skalde, Weber, Maler, Heilgymnastiker, Anstreicher, Zirkusclown und Gepäckträger, den ein verrückter Welscher sogar einmal für einen Erzieher gehalten hat …

Die Einbildung, daß er sich in diesem Menschen zurechtfinden würde, hatte er schon längst aufgegeben, und damit mühte er sich nicht mehr ab. Stunden, wie diese – dachte er – hätte er schon tausendmal erlebt. Also: es wäre mit ihm wieder einmal alles in schönster Ordnung, und der kleine Gefühlsausbruch in Tugend und Reue, den er nach dem Nachtmahle gehabt, wäre glücklich überstanden. So dachte er. Und er gelobte nicht: »morgen oder übermorgen, oder wenn es paßt, werde ich der Welt mal zeigen, was eigentlich hinter mir steckt – hah!«

Von all dem keine Spur. Es war das leibhaftige Wunder. Henrik Tofte wandelte rüstig auf der neuen hellen Straße und sah Do. Die kleine Heidi legte ihr Köpflein mit dem gesponnenen Golde lieblich an ihre Wange. Und hinter ihr stand breit und frühlingsoffen der Wildrosenbusch und blühte und blühte. »Madonna in Rosen! So will ich dich malen – in dem kupferfarbigen Sommergewand und mit dem blauen Kinde!«

Wäre es nicht das leibhaftige Wunder gewesen, das in ihm wirkte, so wäre er nun in den Garten gestürmt, mitten in der Nacht, oder in den Park, und hätte nach dem Lichte des Morgens gerufen, um eine ungeheure Tat zu tun. Aber wenn er den Morgen dann erspäht hätte, wäre er müde gewesen, hätte sich hingelegt und geschlafen – drei Tage, wenn's ihm gerade so paßte.

Das alles tat er nicht. Er legte sich zu Bett. Und am Morgen fand er sich pünktlich um acht Uhr an den Frühstückstisch, der so schmuck unter der Ulme stand. Ein breiter Strom von Sonne stürzte von rechts herein. Und Henrik Tofte sprach ruhevoll mit Jockele und Do über die Madonna in Rosen, und daß er in diesem wundertätigen Frühlichte malen wollte.

»Dies Licht ist nur eine halbe Stunde,« sagte Do.

»So werde ich Sie viele Tage und immer nur eine halbe Stunde bitten,« sagte er. »Wo ist Gwendolin?«

»Sie nimmt den Kaffee auf ihrem Zimmer. Früher ging sie dann malen, und wir sahen sie über Tag nicht. Sie wissen ja, wie sie es treibt. Nun aber hat sie freudige Sorgen und Pflichten, die alle in diesen vier Wochen erfüllt sein müssen. Für heut abend bittet sie Richard Schaffrath und den Professor zu uns.« Und Jockele sagte: »Über Tag richten Sie sich ganz nach Ihren Wünschen, lieber Tofte – wie wir uns nach den unseren. Ich arbeite zwischen den Mahlzeiten auf meinem Zimmer. Wir wollen da nicht aufeinander angewiesen sein, nicht wahr?«

Abends waren sie im Garten unter stillen bunten Lampen. Schaffrath, Salzer und Tofte schritten hin und wieder in nachdenklichen Gesprächen um den großen Rasenplatz. Von der Gewaltsart, in der ihnen der Norweger vorgestellt worden, spürten sie nichts. Da wuchsen sie freimütig und männlich zueinander. Gwendolin merkte es, und die anderen merkten es auch: das Wunder war geschehen. Nur Tofte ging daran vorüber und war ahnungslos wie ein Kind. »Du hast dich an ihm verzeichnet,« sagte Schaffrath zu Gwendolin, »du hast uns einen Riesen mit einem Kindskopf gemalt und einen Seher mit einer Schellenkappe – und nun ist er ein ganz gewöhnlicher und aufrechter Mensch.«