Abb. 14. Dürrensee mit Monte Cristallo.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Die Südabdachung Tirols schickt mit Ausnahme jener Gewässer, die sie durch die Drau zur Donau sendet, all’ ihre Abflüsse zum Adriatischen Meere. Und zwar teils durch den Po, der durch Chiese und Mincio die von den Adamelloalpen, von der Brentagruppe und vom Gardasee herstammenden Wasser empfängt, teils unmittelbar durch die Alpenströme Etsch, Brenta und Piave. Unter ihnen ist die Etsch entschieden am bedeutendsten. Von ihrem Ursprung aus der Malser Heide an nimmt sie die gewaltigen Gletscherbäche auf, die der West- und Südseite der Ötzthaler Alpen und dem Nordostgehäng der Ortlergruppe entstammen; durch die Passer empfängt sie abermals Zuflüsse aus den Ötzthaler und Stubaier Alpen; dann wieder aus diesen und aus der Zillerthaler Gruppe durch den wilden Eisack, der ihr auch die Wasser des Ahrnthals, des Pusterthals und die vom Nordabfall der Dolomitalpen zuführt. In ihrem Weiterlaufe nimmt sie noch den Nosbach auf mit Abflüssen der Ortler-, Presanella- und Brentagruppe; und endlich den langen Avisio, dessen oberste Quellbäche von den Eisfeldern der Marmolada sich nähren.
Abb. 15. Drei Zinnen, vom Toblinger Riedel gesehen.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Die Seen. Erdgeschichte Tirols.
Im Vergleich mit den Schweizer Alpen ist Tirol arm an Seebecken. Immerhin hat das Vorarlberger Land seinen Anteil am Bodensee, Südtirol den seinen am Gardasee. Nur ein einziger größerer Hochgebirgssee, der Achensee, hat sich zwischen die Steilwände der nördlichen Kalkalpen eingebettet; kleiner, aber mit den reichsten landschaftlichen Reizen ausgestattet sind der Molvener See und die Seen von Levico in Südtirol. Dagegen enthält Tirol eine stattliche Anzahl ganz kleiner, nicht selten unmittelbar von den Eiswänden seiner Gletscher überragter Seebecken, die ihren Hochthälern eigentümlichen Zauber verleihen. So der Lüner See unter den Wänden der Scesaplana, der prächtige Plansee an der Nordgrenze, die hochromantischen Seespiegel in der Nachbarschaft des Fernpasses und auf der Malser Heide, der Gurgler Eissee, der Antholzer See, der einsame Antermojasee oder der berühmte Dürrensee, in dem der Monte Cristallo sich spiegelt ([Abb. 14]), wie der Fedajasee unter den Eismauern der Marmolata, der stille grüne Brennersee, und noch mancher andere.
Abb. 16. Entlaubter Baum im Mühlwaldthal.
(Liebhaberaufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)
Entstehung der Alpen.
Unausdenkbar lange Zeiträume haben ihre Schleier über die Geschichte der großartigen Erdfaltungen gebreitet, die heute in den Alpen vor unseren Augen stehen. Aber man darf vermuten, daß da, wo jetzt die stolzen Gipfel aufsteigen, einst ein niedriges, aus Granit und Gneis bestehendes Hügelland sich ausdehnte. Dieses Hügelland war wohl unermeßlich lange Zeit von einem Meere bedeckt, auf dessen Boden sich durch Ablagerung mächtige Schieferschichten bildeten. Einzelne, aus Granit und Gneis bestehende Inselgruppen mochten über dieses Meer emporragen, das in der frühesten Zeit der Erdbildung noch keine organischen Wesen enthielt. Abermals nach unbestimmbar langen Zeiten mögen durch unterirdischen oder seitlichen Druck Hebungen einzelner Teile der Landmasse hervorgegangen sein; die Wasserbedeckung veränderte sich, und es entstand wohl ein lang gestrecktes Festland, etwa der heutigen Centralkette entsprechend. Während dieser Zeiträume bedeckte sich unter dem Einflusse eines heißfeuchten Klimas der über das Meer hervorragende Teil des Alpenlands mit der üppigen Pflanzenwelt der Steinkohlenformation. Hebungen und Senkungen des Landes setzten sich fort; ebenso die Ablagerungen auf dem Meeresgrunde. Wälder wurden überflutet und sanken in die Tiefe; über sie legten sich wieder dicke Schichten kalkigen Schlammes, der in dem Meere zu Boden sank und zur Felsdecke erstarrte. Zwischendurch brachen aus entfernteren Tiefen der Erde mit ungeheurem Drucke gewaltige Porphyrgesteine empor, zertrümmerten und zerrissen die Steinkohlenschichten und bildeten mit mächtigen Trümmermassen zusammen das große Porphyrplateau nördlich von Bozen. Die Alpen waren nun durch fortwährende Hebung trockenes Land geworden, von ungeheuren Waldungen bedeckt. Aber wieder senkte sich der Boden; aufs neue brandete das Meer an die noch niedrige Centralkette. Sand- und Thonlager, Schichten von muschelhaltigem Kalke legten sich neuerdings auf den Grund dieses Meeres hin; Korallen bildeten mächtige Bänke in demselben; immer reicher erscheint die Tierwelt, deren Reste in diesen Sand- und Schlammschichten versinken mußten. Und die unterirdischen Mächte hörten noch immer nicht auf, neue Massen fremdartigen Gesteins aus den Erdtiefen in die Höhe zu drängen. Und dann mochte wohl wieder eine Zeit kommen, in der fast die ganzen Tiroler Alpen unter den Spiegel des Meeres versanken. Aber es war ein neues Meer und eine neue Tierwelt, die in ihm lebte. Und neues Land wuchs wieder am Grunde dieses Meeres und an seinen Ufern. Noch immer mag dieses Land ein niedriges Plateau mit regelmäßig aufeinander gelagerten Schichten gewesen sein, ohne tief eingeschnittene Thäler. Dann aber erfolgten mehrere stärkere Erschütterungen des Alpenlandes und Hebung desselben, in seiner ganzen Breite, über das Meer. Die im Laufe von vielen Zeiträumen, von denen einzelne wohl Millionen von Jahren gewährt haben müssen, übereinander gelegten Schichten wurden gehoben, gespalten und durch den furchtbaren Druck der aufgestiegenen Centralmassen seitlich abgedrängt. Mächtige Schichten wurden dabei gebogen, verschoben, verworfen, ja geradezu umgestülpt; was früher horizontal lag, steil aufgerichtet. Es entstanden Gewölbe, die schließlich zerbarsten und deren Schalen dann als grausige Klippen den Kern, der sie emporgedrückt hatte, umstarrten. Mannigfache Spalten, die sich gebildet hatten, wurden zu Thälern, die dann vom fließenden Wasser weiter ausgewaschen wurden.