III.
Klima, Pflanzen- und Tierwelt.

Klimatische Verschiedenheiten in Tirol.

Tirol hat eine große lachende Sonnenseite: die Abdachung der Centralkette nach Süden. Und dieser entgegengesetzt das schattigere winterliche Nordgehäng gegen das Innthal und weiterhin gegen die bayerische Hochebene. Wie eine Riesenmauer trennen die Alpen das rauhere Klima Deutschlands von dem milderen Himmel Italiens. Schneestürme sausen um die Scharnitz, während man im Bozener Thalkessel unter blauem Sommerhimmel die Traube einheimst.

Und wie das ganze Land an seiner nördlichen und südlichen Abdachung die größten Gegensätze aufweist, so auch die einzelnen Thäler. Jedes in ostwestlicher Richtung verlaufende Thal hat seine nach Süden gekehrte sonnseitige Thalwand und seine Schattenseite. Den Bewohnern der Sonnenseite kommt der Frühling um Wochen früher, ihr Jahr ist wärmer und ihr Herbst weicht später dem Winter, als denen, die an der Schattenwand hausen. Und auch die von Süd nach Nord verlaufenden Thäler haben doch wieder ihre Biegungen, ihre Seitenschluchten und Mulden, wo nach Süden gewandte Gehänge kleine sonnseitige Winkel bilden. Man begreift, daß sich die menschliche Ansiedelung mit aller Macht nach der Sonnenseite gezogen hat. Wo freilich, wie im unteren Innthale, die nach Süden gewandten Thalwände ganz steile Felsenmauern sind, während die entgegengesetzten Gehänge sanft ansteigen: da mußte man eine Ausnahme von dieser Regel machen.

Wohl sind die hohen Lagen im ganzen kühler, als die tieferen. Aber die Gegensätze von Warm und Kalt werden nach oben zu nicht schärfer, sondern milder. So kommt’s, daß den zu höchst gelegenen Ansiedelungen nicht etwa der winterliche Frost ein besonders grimmiger Gegner ist, sondern mehr die furchtbaren Schneemassen, die sie oft wochenlang von der Thaltiefe völlig abschneiden. Die dauernden menschlichen Wohnsitze reichen in Tirol viel höher hinauf, als in den deutschen Mittelgebirgen. Das gilt schon für die Nordhälfte des Landes. Die südliche Hälfte aber erfreut sich eines Klimas, wie es, soweit die deutsche Zunge klingt, sonst nirgends vorkommt. Die gesegnetsten Lagen des Rheingaus werden weit übertroffen durch das Klima des Etschthales von Bozen abwärts. Während der Winter in Nordtirol ungefähr ebenso lang und so streng ist, wie in Deutschland, rechnet man seine Dauer im Bozener Gebiet nur nach Wochen; im unteren Sarcathale aber ist nur ein Schritt vom Spätherbste zum Vorfrühling. Der Sommer Nordtirols möchte wohl heißer sein, als der deutsche; aber er kommt nicht dazu, weil die Sonne hinter den Bergrücken später aufsteigt und früher versinkt. In Südtirol ist der Sommer durchaus italienisch, so daß die Bewohner genötigt sind, aus den heißen Thaltiefen herauf wochenlang in die frischere Luft der Berghöhen zu fliehen.

Abb. 20. Trachten in Taufers-Sand.
(Liebhaber-Aufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)

Die Eisregion.

Während im Flachlande Schnee und Eis nur durch einige Winterwochen eine Rolle im Landschaftsbilde, in den klimatischen und wirtschaftlichen Zuständen spielen, behaupten sie diese Rolle in einem Hochgebirgslande das ganze Jahr hindurch. Von der gesamten Grundfläche Tirols sind 4764 qkm unproduktives Land: Felsenflächen, die entweder für immer mit einer dicken Last von Schnee und Eis bedeckt sind oder doch wegen ihrer hohen Lage und ihrem gänzlichen Mangel an Erdbedeckung nur Spiel- und Tummelplätze des ewigen Winters bilden. Ungefähr der sechste Teil des Landes ist nicht bloß allem Anbau unzugänglich, sondern geradezu eine Hochburg, von der aus Stürme, Eis- und Schneelawinen, Steinströme, Schlammfluten und Wildwasser die menschlichen Ansiedelungen und landwirtschaftlichen Werkplätze heimsuchen. Die Firn- und Eismassen, welche in meilenbreiter Ausdehnung die höchsten Kämme und Gipfel decken, nehmen einen dauernden Einfluß auf die Natur des ganzen Landes und durch sie auch auf die Menschen. Der Natur der Hochthäler verleihen sie einen starren gewaltthätigen und menschenfeindlichen Hintergrund; den Menschen nötigen sie zu Kämpfen und Sorgen, von denen sich die Bewohner der Flach- und Hügelländer keine Vorstellung machen. Nicht als ob diese Firn- und Eismassen eine bedenkliche Abkühlung der Thäler bewirkten. Es ist keine Eiskellerluft, die sie erzeugen, sondern eine wohl mitunter eisige, dabei aber kräftige und überaus reine Luft, die aus ihnen zu den menschlichen Ansiedelungen herabweht.