Abb. 21. Zillerthaler.
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)
Geradezu verwüstend wirkt die Welt des ewigen Eises nur ausnahmsweise, wenn sich unter besonderen Verhältnissen Eisseen bilden, die dann, wie es im Ötzthale und im Martellthale schon geschah, plötzlich ihre Umdämmung durchbrechen und die tiefer liegenden Thalgründe verheeren. Viel gefährlicher sind die nicht perennierenden Schneemassen, die sich an steileren Gehängen lagern und, wenn sie von wärmeren Luftströmungen zerweicht werden, von ihrer Unterlage gleiten, um als Lawinen mit unwiderstehlicher, zermalmender Wucht niederzugehen. Diesen Schrecken kennt jedes Hochthal in Tirol; an allen Gebirgspfaden sieht man die hölzernen Gedenktäfelchen, die vom Tode eines Menschen in der eisigen zerdrückenden Umarmung einer Lawine reden.
Abb. 22. Zillerthalerin.
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)
Für die Thäler sind die in flimmernder Höhe über ihnen lagernden Firn- und Eismassen beständige Behälter ergiebiger Wassermassen. Da sammelt sich nicht bloß während des Winters, sondern auch während des Frühlings und Herbstes das krystallisierte Wasser in riesigen dicken Lagern an, um dann als Schmelzwasser niederzugehen. Man muß an einem Sommertage zur Mittagszeit über einen großen Gletscher gewandert sein, um zu sehen, wie da meilenlange Eisfelder auf einmal in Bewegung geraten, wie ihre Oberfläche zu tausend und abertausend Rinnsalen wird, in denen das geschmolzene Eis thalabwärts rieselt und gurgelt und rauscht, um am unteren Ende des Gletschers jene mächtigen Bäche zu speisen, die da mit wütender Kraft unter dem Eise hervorbrechen. Und je heißer der Sommer, um so reicher die Wassermenge, die er liefert. Aber nicht bloß in der wärmeren Jahreszeit schmelzen die Gletscher ab. Mitten im Winter kommen Tage, wo plötzlich eine warme Luftströmung die Eiswelt der Höhen zum Tauen bringt. Diese Föhnwinde kennt man in Tirol, wie man sie in der Schweiz kennt. Aber während man ihre Wärme früher dadurch erklärte, daß man meinte, sie kämen aus der Sahara über das Mittelländische Meer geflogen, kennt man sie jetzt als Fallströmungen, die durch ihren Sturz aus der Höhe zu ihrem Wärmegrad kommen. An solchen Wintertagen fangen die sonst zu Krystall gefrorenen Bäche plötzlich zu sprudeln und zu schäumen an, jeder Berg wird zum riesigen Dache, von dem Tausende von Wassern niederrieseln; die Firnfelder dampfen, und die stürzenden Lawinen lassen ihren Donner vernehmen.
Abb. 23. Pusterthalerinnen.
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)
Die Bodenbenutzung.
Von den 29288 qkm Bodenfläche, welche Tirol enthält, sind: 1491 Äcker, 1964 Wiesen, 50 Gärten, 128 Weingärten, 1394 Hutweiden, 7778 Almen, 11049 Wald, 68 Seen, Sümpfe, 55 Haus- und Hofräume, 4764 unproduktive Wüstenflächen. Man ersieht daraus, daß die mit Pflanzen angebaute Fläche nur den siebzehnten Teil der Gesamtfläche beträgt; alles, was sonst dem Boden entsproßt, ist mehr oder weniger wild wachsendes Naturprodukt. Freilich wird dieses Wachstum der Natur noch geleitet und überwacht; aber Leitung und Überwachung wird um so lockerer und weniger eindringlich, je höher die Lage.