Über der oberen Grenze der Waldungen erstrecken sich die mit Rasen und Kräutern überwachsenen „Almen“ noch stundenweit empor. Der Bergbewohner gebraucht den Ausdruck Alpe oder Alm nie von dem ganzen Gebirge, sondern immer nur von den Weidelandschaften in den höheren Berglagen. Man darf nicht glauben, daß ein gleichmäßig breiter Gürtel von Wäldern und über ihm von Almen die Berge umgebe. Diese Gürtel sind in den einzelnen Landschaften von sehr ungleicher Ausdehnung. In manchen Gegenden stoßen die Wälder mit ihren oberen Ausläufern unmittelbar an die pflanzenleeren Steinwüsten, an denen höher droben noch, wie hingeklebt, kleine steile Grasflächen hangen. Anderwärts fehlt die Zone der Wälder ganz; dort ist sie ausgerodet, und das Ackerland der Thalsohle und der untersten Berghänge geht in Weideland über. Da sind dann Bergrücken, auf denen man vier bis fünf Stunden lang immerfort über Rasen emporsteigen kann, wie im Kitzbühler Thonschiefergebirge oder in der nördlichen Vorlage des Tuxer Kammes. Häufig ist auch, daß über den zusammenhängenden Waldungen noch eine abwechselnd aus Felswänden, kahlen Schutthalden, dünner Waldung, Rasenflächen und Gestrüppstrecken bestehende Zone den Übergang zur pflanzenleeren Wildnis bildet.

Abb. 35. Alte Grödener Trachten.
(Nach einer Photographie von Emil Terschak in St. Ulrich-Gröden.)

Die Tierwelt.

Ungefähr der vierte Teil der ganzen Bodenfläche von Tirol besteht aus Alpenweiden. Je nach der Höhenlage, nach der Steilheit der Hänge und nach der Bodenart sind diese Alpenweiden entweder aus einer zusammenhängenden Schicht von Erdkruste gebildet; oder die pflanzentragende Schicht ist von Felsklippen durchsetzt oder von Geröll teilweise überschüttet, von kiesigen Wassergräben gefurcht. Gras und Kräuter, die auf diesen Alpenwiesen wachsen, sind zwar kurz, aber ungleich aromatischer und reicher an Nahrungsstoff als das auf der Thalsohle wachsende Gras. Als Viehfutter dienen die Gewächse dieser Matten teils, indem man es den Tieren selbst überläßt, sich ihre Nahrung zu suchen, teils, indem man einzelne Strecken, die „Mähder“, abmäht und das Heu zur Überwinterung der Tiere benützt. Das oft mit Lebensgefahr an den Hängen gemähte Heu wird entweder im Freien oder in zahllosen kleinen Heustadeln aufgespeichert, bis man sich die Zeit nehmen kann, es zu den Bauernhöfen herabzubringen. Das geschieht meist im Winter auf der Schlittenbahn; über steile Hänge kann das Heu auch als „Grasbären“ herabgerollt werden, nachdem man es in Bündel zusammengeschnürt hat. Die höchste Zone der Pflanzenwelt, jene spärlichen Kräuter und Gräser, die zwischen den riesigen Moränen der Gletscher und als kleine grüne Päckchen an steilen Felshängen noch unmittelbar neben ewigen Schneefeldern sprossen, werden nicht mehr gemäht; sie dienen den Schafen und Ziegen zur Nahrung.

Abb. 36. Grödenerin.
(Nach einer Photographie von Emil Terschak in St. Ulrich-Gröden.)

Die Tierwelt all’ dieser Thäler ist heute größtenteils eine zahme: Rinder und Pferde auf der Thalsohle und den niederen Almen; höher droben Rinder und in den obersten Weidegebieten Schafe und Ziegen. Die Pferdezucht ist zumeist in den an das Salzburgische angrenzenden Gegenden vertreten; hier wächst ein tüchtiges, etwas schwerfälliges Arbeitspferd. Das Rindvieh zählt mancherlei Rassen; aber auch dem Laien muß ein Hauptunterschied auffallen: der Unterschied zwischen dem von Norden und Osten her in die Alpenthäler gekommenen Rinde, das die germanischen Einwanderer mitgebracht haben und das kurzgehörnte, braune oder scheckige Tiere zeigt, und den graugelben, einfarbigen, langhörnigen Rindern, die romanischer Einwanderung ihr Dasein verdanken und hauptsächlich im Westen und Süden heimisch sind. Unter dem zahmen Geflügel sind Hühner wegen des starken einheimischen Eierverbrauches bevorzugt, weniger Enten, Gänse und Tauben.

Abb. 37. Grödenerin.
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)