In schweigendem Grimm erduldeten die Tiroler ihr Schicksal, bis im Jahre 1814 ihr Land nach dem Sturze Napoleons von Bayern an Österreich zurückgegeben ward. Das Volk von Tirol hatte während seines Befreiungskampfes viel Kraft verausgabt, vielleicht mehr, als es ohne Schaden für seine Zukunft ausgeben konnte. So war’s nicht zu verwundern, daß die mächtigen Fortschritte des XIX. Jahrhunderts in den einsamen Bergthälern nur langsam eindrangen, daß nach dem großen Kriege mancherlei schwer begreifliches Sektenwesen in den Köpfen der Unterinnthaler und Zillerthaler seinen Spuk zu treiben begann, daß die schlichten Bauern sich oft zu widerstandslos der Führung durch die Bureaukratie und die Geistlichkeit, und den eigenen althergebrachten Vorurteilen überließen. Und was am meisten in der jüngsten Geschichte Tirols zu beklagen ist: daß das deutsch-tirolische Volk nicht die Kraft besitzt, der fortwährenden Italianisierung Südtirols genügenden Widerstand entgegenzusetzen.
Abb. 57. Vorderthiersee.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
V.
Bevölkerung.
Bestandteile der Bevölkerung.
Die Bevölkerung Tirols besteht zum größten Teile aus den deutsch redenden Nachkommen des bayerischen Volksstammes, der sich während der Völkerwanderung Tirols bemächtigt hatte. Im Oberinnthal aber und in Vorarlberg ist die dortige durchaus deutsche Bevölkerung aus dem Stamme der Schwaben und Alemannen.
Unter dieser heutigen Schicht des Tiroler Volkstums erkennt man teils aus einzelnen Dialektformen und Ausdrücken, teils aus Orts- und Bergnamen Reste der früheren Volksunterlage: der Rhätier und der römischen Kolonisation, in einem kleinen östlichen Landstrich auch der vordem eingedrungenen Südslaven. So ist die Tiroler deutsche Mundart keine einheitliche. Sie fließt an der Nordgrenze vollständig mit der bayerischen, an der Ostgrenze mit der Salzburger und Kärntner Mundart zusammen, während sie in Vorarlberg an die der Ostschweiz anklingt. Vom nächstverwandten bayerischen Dialekt unterscheidet sich der Tiroler durch die tiefen, ihm eigenen Kehllaute. Von den Vokalen klingt das A häufig wie O, das E und I wie Ö und Ü; die Konsonanten rollen dem Tiroler wie aus tiefen Bergschlünden hervor.
Sprache und Ortsnamen.
Neben der deutsch redenden Bevölkerung gibt es in Tirol auch eine romanische und italienische. Die romanische (altromanische, ladinische) ist wohl auf römische Niederlassungen mit beigemischten rhätischen Elementen zurückzuführen; sie wohnt in den Thälern Gröden und Enneberg, im Thal des Avisio und des Cordevole. Ihre Sprache ist ein fast zur Unkenntlichkeit verwildertes Latein. Von der Gesamtbevölkerung haben 60 Prozent die deutsche, 40 Prozent die italienische oder ladinische Umgangssprache. Übrigens verstehen und sprechen in den ladinischen Thälern die Männer alle auch deutsch.