Abb. 58. Unterinnthalerin.
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)
Im allgemeinen kann man den Satz gelten lassen, daß in Tirol die Sprachgrenze auch eine Grenze verschiedener Lebensformen und socialer Zustände bedeutet. Aber im einzelnen erleidet dieser Satz viele Ausnahmen. Insbesondere bilden die Ladiner in mancher Hinsicht Übergänge. Sprachlich sind sie den Deutschtirolern ebenso fremd, wie die Italiener; an Bauart, Ansiedelungs- und Wirtschaftsweise, äußerer Erscheinung, Nahrung und Kleidung haben sie mehr Ähnlichkeit mit den Deutschtirolern. Die Bau- und Ansiedelungsweise der Deutschtiroler reicht weiter nach Süden, als ihre Sprache.
Gemeinsam haben die deutschen und welschen Thäler, daß im allgemeinen Wohlstand und Annehmlichkeit des Daseins am bedeutendsten in den untersten Gegenden der Thäler sind und von da nach aufwärts stufenweise abnehmen, so daß die höchstgelegenen Ansiedelungen die ärmsten und rückständigsten sind. Von dieser Thatsache, die zu naturgemäß ist, gibt es nur wenig Ausnahmen, wie etwa die Rofner Höfe im Ötzthal. Aber die Armut und Einfachheit der höchsten Ansiedelungen ist sehr ungleichartig; in manchen Thälern wirkt sie edel und würdig, in anderen abschreckend und bettelhaft.
Von den ehemaligen Rhätiern sind fast nur noch Ortsnamen übriggeblieben; diese aber reichen vom Zillerthal bis nach Trient und nach Vorarlberg. Im Unterinnthal grüßen uns als rhätisch schon Ortsnamen wie Schwaz, Terfens, Volders; sie finden sich sehr zahlreich im Oberinnthal, im Vintschgau, am Eisack. In den höher gelegenen Seitenthälern werden sie seltener; von den Bergnamen sind wohl nur die wenigsten rhätischen Ursprungs. Daraus schließt man mit Recht, daß die rhätische Ansiedelung sich so ziemlich auf die Hauptthäler beschränkt haben muß.
Abb. 59. Alpbacher.
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)
Auf die Rhätier folgte die Romanisierung des Landes. Und die Rhätoromanen scheinen viel weiter in die entlegeneren Thäler und nach den Höhen zu vorgedrungen zu sein. Die romanischen Ortsnamen sind sehr zahlreich; sie zählen nach Tausenden, sind ohne Schwierigkeit zu deuten und hängen mit dem landschaftlichen Charakter der Gegend zusammen. So wird jeder Lateiner Campiglio mit campus, Vals mit vallis, Vill mit villa, Pontigl mit ponticulum in Zusammenhang bringen.
Abb. 60. Kufstein.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Germanisierung Tirols.