Der rhäto-romanischen Zeit folgte endlich die bajuwarische Einwanderung, im Oberinnthal die der Alemannen. Die Germanisierung des Landes begann; aber nur langsam. Unter die romanischen Ortsnamen mischten sich immer mehr deutsche, wie Hall, Innsbruck, Landeck, Steinach u. a. Im Vintschgau hielt sich das Romanische zäher, als im Innthal; am zähesten in Enneberg und Gröden. Der slavische Zuzug von Osten her ward durch die Bajuwarier zurückgedrängt; an ihn erinnern nur einzelne Ortsnamen im Iselthale: vor allem Windisch-Matrei; auch das Frosnitz- und Teischnitzthal, der Mulwitz- und Laberwitz-Gletscher; wohl auch der Name des Pusterthales (früher pustrizza, bystrica). So liegen die Schichten der Bevölkerung übereinander, Verdrängtes, Verschollenes und Neugewordenes; mancherlei Mischung. Das Ladinische wird wohl immer weniger gesprochen werden; an seiner Stelle muß entweder italienisch oder deutsch gelernt werden; aber die ladinischen Namen werden sich erhalten.
Abb. 61. Achenthalerin.
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)
Abb. 62. Hochzeitslader.
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)
In ihrer äußeren Erscheinung sind die Tiroler ein prächtiger Menschenschlag, an körperlicher Schönheit von keinem deutschen Volksstamm übertroffen, ja kaum erreicht. Selten wird man bei einer Bevölkerung so viele athletisch gewachsene Männer mit klassisch-ernsten Zügen, so viele Mädchen von überraschender Eleganz des Gesichtsschnittes finden, als in den Tiroler Thälern. Hervorragende Männererscheinungen finden sich im Pusterthale und dessen nördlichen Seitenthälern, im Zillerthale und in Passeier wohl am häufigsten; da kann man im Bauerkittel Männer mit lockigen Häuptern und wehenden Bärten sehen, germanischen Helden gleich; und mancher Schafhirte auf einsamer Hochalm erinnert an ein hellenisches Götterbild. Die Tiroler Mädchen sind teils, wie im Zillerthal, wahre Walkürengestalten; man findet aber auch viele feingliederige und zart gebaute; durchweg aber haben sie sehr lebhafte Augen, deren Glanz selbst im Alter nicht verlischt, und in der Jugend eine entschieden vornehme und graziöse Haltung. Und die Körperschönheit scheint um so hervorragender zu werden, je höher man in die einsamsten Thäler hinauskommt. Am wenigsten bevorzugt in körperlicher Hinsicht zeigen sich die alemannischen Volksbestandteile im Nordwesten. Im Süden findet man sehr häufig schon ausgeprägt italienische Typen.
Volkscharakter.
Den äußeren Zügen entsprechen die des inneren Volkscharakters. Genügsamkeit, Einfachheit der Sitten, Frömmigkeit, Heimatliebe, Unterthanentreue, heldenmütige Tapferkeit: das sind des Tirolervolkes Haupttugenden. Die Fehler, die diesen Vorzügen gegenüber stehen, werden erklärlich durch die Natur des Landes. Die Abgeschlossenheit vieler Landschaften bedingt auch einen Abschluß der Geister gegen außen. Daher die unschwer zum Fanatismus zu steigernde Leidenschaftlichkeit in religiösen Fragen, Einseitigkeit des Urteils und Argwohn gegen das, was von außen kommt.
Abb. 63. Rattenberg.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)