Übrigens findet man nicht leicht bei einem Volksstamme so große Verschiedenheiten und Gegensätze, wie bei dem Volk von Tirol. Diese Verschiedenheiten und Gegensätze sind bedingt durch die großen Unterschiede in der Wohnlichkeit, Wohlhabenheit und Verkehrsfähigkeit der Landschaften. Liegen doch da bei einander Thalgründe, in denen eine freigebige, sonnige Natur eine geradezu üppige Lebensart beinahe herausfordert, und wiederum Landschaften, wo die Natur ihre wildesten, rauhesten Seiten herauskehrt und beständigen todesmutigen Kampf gegen ihre Schneestürme und Lawinen, Steinströme und verheerende Wildwasser verlangt. So findet man denn oft hart nebeneinander aufgeklärten Freisinn und harten Fanatismus, weit blickenden Spekulationsgeist und beschränktes Festhalten am Althergebrachten, leutseliges Entgegenkommen gegen den Fremden und mißtrauische Abgeschlossenheit.
Abb. 64. Brixlegg.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Religion und Gemüt.
Tirol ist ein streng katholisches Land. Die Glaubenseinheit ward bis in die jüngste Zeit als ein kostbares nationales Kleinod hochgehalten, und es bedurfte langer Kämpfe, bis die erste protestantische Kirche auf dem Boden Tirols erstehen konnte. Nur langsam, und keineswegs überall, konnten die Tiroler überzeugt werden, daß unter den Protestanten ebenso gute, fromme und gerechte Menschen sein können, als unter Katholiken. Der wilde Heldenmut, mit dem das Tiroler Volk im Jahre 1809 sich gegen die bayerische Herrschaft aufbäumte, war zu einem guten Teile darin begründet, daß das Volk wähnte, sein Glaube sei in Gefahr; und der große Freiheitskampf war nicht bloß ein politischer, sondern zugleich ein religiöser Krieg. Hatte doch gerade damals die bayerische Regierung Klöster aufgehoben und eine Reihe von Maßregeln gewaltsamer Aufklärung angebahnt.
Dieser Glaubenseifer der Tiroler offenbart sich in ihrem Haus und in ihren Kirchen. Jede Wohnstube hat ihr kleines Heiligtum: eine Ecke, wo ein Kruzifix und einige Heiligenbildchen hängen. Vor und nach jeder Mahlzeit wird gebetet. Die Dorfkirche steht überall auf dem schönsten Platze und leuchtet weit ins Thal, umgeben von der Mauer des kleinen Friedhofes, in dem die Toten des Thales ihre ewige Ruhe gefunden haben. Jeden Sonntag wird die Messe gehört, zu der sich die Thalbewohner aus stundenweiter Ferne einfinden. Selbst die Bergführer versagen an Sonn- und Feiertagen ihre Dienste, ehe sie die Messe gehört haben. Auch das Fastengebot wird streng gehalten, ja oft auch der fremde Reisende zu seiner Einhaltung genötigt. Neben den Dorfkirchen gibt es zahlreiche einzeln stehende Kapellen und Wallfahrtskirchen; Wallfahrerzügen und Bittgängern kann man an Sonntagen häufig begegnen. Die Wallfahrt ist übrigens für den Tiroler nicht bloß eine religiöse Übung, sondern zugleich die einzige Veranlassung, aus dem engen Gesichtskreise seines Thales heraus unter fremde Menschen zu kommen und zu sehen, daß hinter den Bergen auch noch Leute leben.
Der fromme Sinn der Bevölkerung spricht auch aus unzähligen Wegkapellen, Wegkreuzen und Gedenktäfelchen, hier Bildstöckeln oder Marterln genannt. Die Wegkapellen aber haben nicht bloß den Sinn, zu einem kurzen Gebet einzuladen; sie sind zugleich, da immerhin ein paar Menschen in ihnen Platz haben, Zufluchtstätten bei wilden Unwettern, wie etwa die Kapelle auf dem Velber Tauern, auf dem Kitzbühler Horn und andere. Bildstöckel finden sich zahllos, an den Straßen wie an den schmalen Bergpfaden, selbst auf vergletscherten Jochen. Dem einsamen Wanderer in wilder Höhe erscheinen sie als ein Gruß menschlicher Teilnahme; meist aber sind sie Erinnerungszeichen für Menschen, die vom jähen Tod an der Straße ereilt wurden, von Lawinen erdrückt, von Gletscherbächen fortgerissen, von stürzenden Bäumen und Felsen zerschmettert, im Schneesturm verweht. Die meisten dieser Täfelchen zeigen auf einem, etwa mit drei Händen zu bedeckenden Raum eine bildliche Darstellung des Unglücks, einen frommen, oft gereimten Spruch und die Bitte an den Wanderer um ein kurzes Gebet.
Bei seinem starken Glauben hat das Tiroler Volk auch recht viel Abergläubisches. Daß man eine kranke Kuh lieber von einem Kapuziner segnen läßt, als daß man den gelernten Tierarzt befragt, schadet heute noch der Tiroler Viehzucht; auch der kranke Mensch wallfahrtet lieber zur Muttergottes von Absam, als zum berühmtesten Kliniker. Wetterbeschwörungen und Wetterläuten sind noch an der Tagesordnung und ungebrochen die Wunderkraft von Amuletten und Reliquien.
Die Gemütsart des Tirolers ist im ganzen eine vortreffliche. Ehrlichkeit und Treuherzigkeit ist ein Grundzug derselben. Nur ist der Tiroler doch so schlau, daß er, wenn er den Fremden damit beeinflussen kann, sich noch treuherziger und ehrlicher stellt, als er wirklich ist. Der durch seine rauhe Natur dem Volke anerzogene Mut steigerte sich früher, namentlich im Unterinnthal und Zillerthal nicht selten zur Rauflust, wobei es auf einige ausgedrückte Augen und abgerissene Ohren nicht ankam. Jetzt ist man in diesem Punkte gesitteter geworden. Grausamkeit und Wildheit mochten wohl während des Freiheitskampfes gegenüber dem Feinde vorkommen, erklären sich aber aus der Rauheit der Zeit. Der Familiensinn ist unter den Erwachsenen nicht besonders stark, hingebend und aufopferungsfähig aber gegenüber den Kindern.