Abb. 65. Fügen.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Sagen. Volkstrachten.
Reich und großartig ist der Sagenschatz des Volkes. Das erklärt sich schon aus der ganzen Natur des Landes. Die vielen gewaltigen Berggipfel, die, entweder von ewigem Eis umpanzert oder aus fast lotrechten Felsschroffen bestehend, in die Thäler herabschauen, und von denen eine große Zahl im Laufe unseres Jahrhunderts zum erstenmal von kühnen Wanderfüßen betreten wurden, mußten ja wie von selber zu Hochburgen der Geisterwelt werden. So findet man durch ganz Tirol die Sage von den Wildfrauen oder Saligen Dirnen, die hoch droben in unzugänglichen Felswänden hausen, aber dann und wann herabsteigen in die Thäler, den Menschen jahrelang friedlich und willig als Mägde dienen und Segen in die Häuser bringen, auf einmal aber durch geheimnisvolle Erscheinungen und Botschaften abgerufen werden und mit leidvollem Gruß für immer verschwinden. Die Lawinen, Bergstürze und Schlammströme, die in vorgeschichtlicher und geschichtlicher Zeit so viele Häuser und Ortschaften verwüsteten und so manche Stätte langen Menschenglückes spurlos verschwinden ließen, mußten Veranlassung werden zu den Sagen von verschütteten Thälern, von versunkenen Städten und eisübergossenen Weideländereien. Die ausgedehnten Räume, die der Mensch nicht selber bewohnte, weil sie unbewohnbar waren, bevölkerte er wenigstens mit den Gestalten der Phantasie; er ließ diese Gestalten in Wetterwolken die Gipfeltürme umreiten und gab ihnen eine Heimat in den zahllosen öden Thalwinkeln, die nur mit Felstrümmern und alten Lawinenresten erfüllt sind. Wo eine einzelne Felsbildung von besonders auffallender Gestalt erscheint, wird sie von der schöpferischen Einbildungskraft mit Ereignissen und geheimnisvollen Lebewesen bedacht, die sie umgeistern. Dazu liefern weiteren Stoff die zahllosen Burgen, die, teils völlig zertrümmert, teils noch halb erhalten, ihre freundlichen oder wilden Schatten beherbergen müssen. Es ist eben dem Volksgemüt unfaßbar, daß gar nichts mehr in jenen Mauerresten wohnen soll, die so düster und rätselhaft von ihren Felsen herunterschauen. Dazu kommen dann noch spurlos sich verlierende Wege, zerfallene Brücken, verlassene Häuser, unkenntlich gewordene Denkmäler, an die sich Sagen heften. Vieles auch, was einst Geschichte war und aus dem Gedächtnis der Menschen wich, ist Sage geworden; Sage die eine oder andere Erinnerung an die Zeit der alten Rhätier und der Römerherrschaft; Sage die Erinnerung an die Kämpfe zwischen Germanen und Römern, zwischen Franken und Longobarden, zwischen Bajuwaren und Slaven. Groß und herrlich hebt sich aus all’ diesen Gestalten eine hervor: die des unerreichten Dietrich von Bern, des großen Ostgotenkönigs, den die Tiroler Heldensage sieghaft einreiten läßt in den Zaubergarten des Zwergkönigs Laurin. Und dieser Zaubergarten leuchtet ja heute noch im Abendsonnenfeuer mit seinen Dolomittürmen so märchenhaft über die Thäler hin!
Volkstrachten. Volksnahrung.
Eigenartige Volkstrachten haben sich nur im deutschen Teile Tirols, in einzelnen ladinischen Thälern noch bei den Frauen erhalten. In Deutschtirol hat jedes Thal gewisse Besonderheiten seiner Tracht. Diese Besonderheiten verschwinden allmählich in den vom Verkehr am meisten berührten Landschaften. Charakteristisch für den Deutschtiroler ist die kurze Lodenjoppe. Die Beinkleider sind, wo man noch an alter Tracht festhält, kurz; sie reichen nur bis unter das Knie, sind bei den Wohlhabenderen von Leder, bei Ärmeren von braunem Loden. Unter dem Knie beginnen Strümpfe, weiß oder grau; die Füße stecken in starken Schuhen, die den Knöchel frei lassen. Barfüßig oder in Holzschuhen sieht man den Tiroler kaum; das leidet sein Boden nicht. Die örtlichen Unterschiede machen sich zumeist an den Hüten geltend. Der Tuxer trägt einen anderen Hut als der Zillerthaler, und der Pusterthaler bedeckt sein Haupt mit etwas anderem als der Passeirer (Abb. [20] bis [24]). Am schärfsten ausgeprägt ist die Volkstracht noch um Meran, im Sarnthal, in den nördlichen Seitenschlünden des Pusterthales (Abb. [25] bis [29]). Namentlich in der Umgebung von Meran sieht man noch jene behäbigen Männer mit den breitkrempigen Spitzhüten, den breiten farbigen Hosenträgern und schneeweißen Kniestrümpfen. Für die Erhaltung der männlichen Volkstracht ist das Schützenwesen von Bedeutung ([Abb. 30]). Die in den größeren Thälern gebildeten Schützencompagnien konnten keine praktischere und kleidsamere Uniform finden, als die alte Volkstracht; dadurch ist die letztere zum Ehrenkleid geworden und in dauernden Zusammenhang gebracht mit der vom Tiroler so sehr geliebten Waffe. Die Männertrachten der einzelnen Thäler sieht man daher am besten bei Festlichkeiten, wenn die Schützencompagnien ausrücken. Da sieht man auch, daß zur Landestracht außer Joppen, Kniehosen und Strümpfen auch ein silberbordierter Brustfleck (statt der Weste) und ein gestickter breiter Ledergürtel gehören.
Abb. 66. Zell am Ziller.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Auch bei der Frauentracht sind die Kopfbedeckungen von Thal zu Thal verschieden: es sind bald spitzige, bald cylinderförmige hohe Hüte, bald niedrige Hütchen mit runden Köpfen, bald unförmliche Filzhauben, die auch dem schönsten Gesicht nicht zur Zierde gereichen (Abb. [31] bis [37]). Charakteristisch ist das Mieder, das beim Festschmuck aus schwarzem Stoffe, oft aus Sammet und mit silbernen Ketten verschnürt ist; das Werktagsmieder besteht aus dunklem festen Stoffe, aus dem die faltigen Hemdärmel hervorquellen. Statt der Mieder oder über denselben werden auch kurze eng anliegende Jäckchen getragen. Wo die Ärmel nur bis zum Ellenbogen reichen, ist der Unterarm nicht selten mit einem sammetnen oder wollenen Halbärmel bekleidet, einem sehr kleidsamen Stück des Frauengewandes. Die Röcke sind überall, wie es zum Arbeiten und Bergsteigen gehört, kurz, von festen Stoffen. Zum Frauengewande gehört auch gern ein buntfarbiges seidenes Halstuch.
Sobald man den Boden Welschtirols betritt, hört überhaupt jede Nationaltracht auf. Da sieht auch der Landbewohner aus wie ein städtischer Proletarier. Die Männer in Welschtirol tragen mit Vorliebe groß karrierte Anzüge billigster Herkunft, die, wenn sie einigermaßen abgetragen sind, unglaublich zerlumpt aussehen, dazu zerdrückte Filzhüte oder Strohhüte vom dürftigsten Aussehen. Häufig sieht man bei den Männern auch Anzüge von schäbigem ordinären Sammet. Die Frauen Welschtirols, die meistens spärlich gewaschen und schlecht frisiert sind, würden in ihren Werktagsgewändern kaum anzuschauen sein, wenn ihnen nicht das göttliche Erbteil schön geschnittener Gesichter, feuriger Augen und graziöser Bewegungen geblieben wäre. Armut, zahlreiche Kinder und Arbeitsbürde drücken hier die äußere Erscheinung des schönen Geschlechts, das lernen muß, sich zu vernachlässigen. Manche Thäler machen anmutige Ausnahmen.
Die Volksnahrung ist höchst ungleichartig, je nachdem es sich um die Kost in den fruchtbaren Hauptthälern oder in den entlegeneren Hochgebirgsdörfern, in Bauernhäusern oder in Sennhütten handelt. Selbst wenn wir von den vortrefflichen Tischen der Bozener Stadtbürger absehen und bloß bei der Nahrung der eigentlichen Landbevölkerung bleiben, finden wir Gegensätze von einer fast üppig zu nennenden Ernährungsweise bis zu einer staunenswerten Bedürfnislosigkeit. In den Bauernhäusern des gesegneten Burggrafenamts (Umgebung von Meran) wird täglich dreimal warm gegessen; und in den Zwischenzeiten gibt es noch Wein und Brot. Da fängt man des Morgens mit einem kräftigen Frühstück, aus Brennsuppe und Milchbrei bestehend, an, hat vormittags (Halbmittag) Wein und Brot; mittags die beliebten mannesfaustgroßen Tiroler Knödel und dazu ein Gericht von frischem oder geräuchertem Fleische, nachmittags die „Marend“, d. h. Wein und Brot, bei schwerer Arbeit auch Käse; und abends wieder eine dicke, kräftige, reichlich mit Fleisch versehene Suppe. Dabei kann der Mensch bestehen und seine Kraft erhalten. Und selbst an Fasttagen hat man nicht bloß vortreffliche Mehlspeisen, sondern auch Delikatessen, insbesondere marinierten Aal, der in den Bauernhöfen des Burggrafenamts in staunenswerten Mengen vertilgt wird.