Ungleich bescheidener lebt man freilich in den braunen Holzhäusern der entlegenen Seitenthäler, wo auf dem Bauerntische das Fleisch um so seltener wird, je höher man in den Thälern hinaufsteigt. Und das Hirtenvolk droben auf den Almen hat vollends eine Nahrung, die nur eiserne und bedürfnislose Naturen vertragen: steinhartes Brot, einen für Städter kaum genießbaren grünlichen Käse aus Schaf- oder Ziegenmilch, und vielleicht einmal im Tage eine schwere, grobe Mehlspeise. Getrunken wird dazu das trübe eiskalte Wasser des Gletscherbaches.

Gewisse Nahrungsmittel aber kennt man in ganz Tirol, vom reichsten Bauern bis in die ärmste Hütte hinauf. Dahin gehören die Knödel: holperige massive Kugeln aus Mehl, Milch, Brot und Eiern, in Wasser gekocht. Sie werden mit Kraut oder gedörrtem Obst genossen. Ebenso allgemein verbreitet ist das „Geselchte“: geräuchertes Fleisch, das in allerhand phantastischen Formen im Rauchfang des Tiroler Bauernhauses hängt, bis es auf den Tisch des Hauses herabgeholt wird; schmackhaft und kräftig, wenn es vom Rind oder Schweine stammt, aber für jeden Nichttiroler ein Grauen, wenn es als „Böckernes“ seinen Ursprung der gehörnten Ziege oder gar deren bärtigem Gemahl verdankt.

Abb. 67. Mayrhofen.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

In Welschtirol macht man nicht so viel Umstände mit der Nahrung als in Deutschtirol. Dort ist das gewöhnliche, ja fast einzige Nahrungsmittel die Polenta, jener dicke, geschmacklose Brei aus Maismehl, der in großen Mengen verschluckt werden muß, um nur überhaupt den Menschen bei Kraft zu erhalten. Der wohlhabende Südtiroler und der Fremde erhält dagegen zu mäßigen Preisen einen gut bereiteten und mannigfaltigen Tisch, dem der feurige Wein aus dem unteren Etschlande und die zarten Früchte, die den Nachtisch bilden (das Giardinetto), noch besonderen Reiz verleihen.

Abb. 68. Hintertux, gegen die Gefrorene Wand.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Hausbau.

Das Tiroler Bauernhaus ist aus Stein oder aus Holz, oft aus beidem. Die örtliche Bausitte nimmt eben, was sie findet. In den größeren Thaltiefen ist meist der Steinbau vorherrschend, besonders an der vorderen Hälfte des Hauses, die den Menschen zum Aufenthalte dient, während die Rückseite, die Stall und Scheune enthält, auch hier häufig aus Holz erbaut ist. Gemeinsam haben die steinernen und die hölzernen Häuser die Kleinheit ihrer Fenster und das flache, weit vorspringende Dach, das mit Schindeln belegt ist. Diese sind meist nicht festgenagelt, sondern durch steinbelastete Stangen festgehalten. Die steinernen Häuser haben häufig runde oder eckige Erker, die manchmal nur einem, manchmal mehreren Geschossen angehören. Nicht selten liegt die Eingangsthüre erhöht; dann führt eine Freitreppe mit alten Eisengeländern zu ihr empor. Die holzgezimmerten Häuser sind aus vierkantigen Balken, meist von Lärchen- oder Zirbenholz, welches im Alter eine prächtige feurigbraune Farbe gewinnt. Sie sind häufig mit Balkonen versehen, die um eine oder um mehrere Seiten des Hauses laufen, und mit Schnitzwerk verziert. Solcher Zierat ist freilich am reichsten an den behäbigeren Häusern der großen wohnlichen Thäler; seltener oder verschwindend in den ärmeren Hochthälern und nie so kunstvoll wie etwa an den stolzen Gehöften, die man im Berner Oberlande zu sehen bekommt. Die Gegensätze, die in Tirol die menschlichen Wohnungen aufweisen, sind recht groß; denn wenn manche Bauernhäuser im Unterinnthale oder im Meraner Burggrafenamt den Eindruck von lachenden Burgen des Wohlstandes machen, kann man dafür in den altersbraunen Holzhüttchen von Prägraten oder Pfelders oder in den trostlosen Steinhöhlen, die auf dem Reschenscheideck liegen, Wohnstätten erkennen, in welchen wohl nur äußerste Bedürfnislosigkeit zu hausen vermag (Abb. [38] bis [47]).