Abb. 69. Dornauberg.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

So sind auch Hausgärten und Blumenschmuck nur in den tieferen Thälern zu finden. Im Innthale nicken rote Nelken von allen Balkonen, und aus den kleinen Bauerngärten schimmern Sonnenblumen und Rittersporn. Droben im Ötzthal und in den Tauerndörfern grüßt uns kaum eine Blume mehr; die Menschen, die da droben hausen, haben zu hart um ihr Dasein zu ringen, als daß sie noch an solchen Schmuck desselben denken könnten.

Besiedelung.

Ganze Dorfschaften sowohl als auch Einzelngehöfte lagern vorzugsweise an dem sonnseitigen Abhang der Thäler. Denn da kommt nicht bloß der Lenz früher, auch der Tag ist länger mit seinem Sonnenschein. Darum findet man bei allen in ostwestlicher Richtung sich dehnenden Thälern die nach Süden geneigten Thalwände besiedelt, wenn es die Steilheit der Hänge erlaubt, während die nach Nord schauende, also südlich liegende Thalwand, dem finsteren Wald überlassen bleibt. In den von Nord nach Süd streichenden Thälern dagegen setzt sich die Ansiedelung dorthin, wo das sanfteste Gehänge ist oder wo der Thalgrund zu kleinen Ebenen sich ausweitet. Das ist zumeist dort der Fall, wo in ein größeres Thal Seitenthäler münden. Und auch das einzelne Haus liebt es, seine Vorderfront nach Süden zu kehren, wenn das irgendwie angeht. In der Regel suchen die Ansiedelungen die Thalsohle auf; ist diese aber versumpft, so streben die Gehöfte an die Berglehnen hin und um so höher an diesen empor, je sanfter, sonniger und fruchtbarer das Gehänge, die Neigung der Berglehnen sich erweist. In manchen Thälern sieht man darum Dörfer und Einzelnhöfe stundenweit über der Thalsohle liegen, in welcher der Thalbach entweder durch sumpfige Erlenniederung fließt oder durch Schluchten sich ein wildes Bett gebahnt hat; und wenn unten schon lange die Schatten des Abends liegen, glänzen hoch oben die Dörfer mit ihren Kirchen noch im Sonnenlichte. Nicht ungern haben sich auch die Ansiedelungen auf jene flachen Schuttkegel hingelegt, die in längstvergangener Zeit dort entstanden, wo aus den Seitenschluchten verheerende Schlammströme hervordrangen und ihren festen Bestand im Hauptthale ablagerten.

Abb. 70. Berliner Hütte, gegen den Waxeck-Gletscher.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Bauweise.

Die Bauweise wird um so steinerner, je weiter man nach Süden kommt. Zugleich streben die Häuser mehr in die Höhe. Aber auch in Welschtirol besteht ein starker Unterschied zwischen den ladinischen und den italienischen Thälern. Die Häuser in den ladinischen Thälern unterscheiden sich nicht wesentlich von denen im mittleren und nördlichen Tirol; nur der Holzverbrauch daran ist geringer. In den italienischen Dörfern sehen auch die Häuser italienisch aus; mehrstöckig steigen sie auf, schmutzig und verwahrlost. So sieht man sie namentlich in Judicarien. Solange die Seidenzucht blühte, gehörte hier das oberste Stockwerk den Seidenwürmern, die man da droben verpflegte. Jetzt, nachdem dieser Betriebszweig stark zurückgegangen ist, füllen die Judicarier auch die obersten Stockwerke mit zweibeinigen Würmern an; aus allen Fenstern kreischen zerzauste Italienerinnen und kleine, schwarze, schmutzige Italiener.

Eigenartig wie die Bauart der ländlichen Häuser ist auch jene in den Städten, soweit sie alt ist. Man kann in Tiroler Städten heute noch zahllose Häuser finden, die viel eher als kleine Ritterburgen, Miniaturklöster oder erweiterte Hexenküchen wie als bewohnbare Häuser erscheinen. Ja, manche Städte, wie Rattenberg, Sterzing, Klausen, sind fast nur aus solchen Häusern zusammengesetzt. Die Eingangsthüren dieser Häuser sind meist mit marmornen Bogen überwölbt; dann geht es aber hinab, statt hinauf, in ein finsteres, kerkerartiges Gewölbe, das als Vestibül dient. Finster ist auch die steinerne Stiege, die in irgend einem Winkel in die Höhe führt. Die alten Tiroler Baumeister scheinen das Ideal des Hauses in der Unregelmäßigkeit gesehen zu haben; wo es immer möglich war, wichen sie von der wagrechten und senkrechten Linie ab. Fluren, Zimmerböden, die Decken der Gänge und der Zimmer heben und senken sich nach Willkür. Zimmer und Gänge liegen häufig in ungleichen Höhen; es geht beständig treppauf, treppab. Manche Zimmer erhalten ihr Licht durch ein Loch aus einem höher gelegenen Zimmer oder Flur, und man würde sich nicht wundern, einmal in einem Raum zu stehen, der das Fenster im Boden und die Thüre im Plafond hat. Malerisch aber sind alle diese Häuser, von denen manches an seiner Außenseite die Spuren verblichener Freskomalerei trägt; und so auch die Gäßchen, wo verirrte Sonnenstrahlen zwischen Schattenwinkeln umherhuschen und die roten Nelkenköpfchen hinter den Gitterfenstern küssen.