Abb. 71. Jenbach, vom Burgeck gesehen.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Bauern und Hirten.
Die ländlichen Bestandteile des Tiroler Volkes sind Bauern und Hirten. Der Arbeit des Bauern sind die Thaltiefen und die bewohnbaren niedrigeren und sanfter abgedachten Berghänge überlassen; jener des Hirten die höher gelegenen Hänge und Mulden des Gebirges. Diese verschiedenen Arbeitsfelder gehen ineinander über; so auch die Volksklassen, die darauf leben. Im Winter muß auch das Hirtenvolk zum Bauernvolk werden (Abb. [48] bis [50]).
Die bäuerliche Bevölkerung wohnt, je nachdem es die Ansiedelungsflächen gestatten und nötig machen, bald in Dörfern, bald in Einödhöfen. In den Dörfern drängt sich Wohlhabendes und Ärmeres zusammen; da wohnen neben den Bauern auch manche Kleinhäusler. Die einzeln liegenden Gehöfte gehören meist wohlhabenderen Bauern. Da sitzt der Bauer auf seinem Hofe oft mit 10–12 Ehehalten (Dienstboten), die alle an seinem Tische essen und unter seiner Leitung arbeiten. Jener Teil des Jahres, der nicht von der Feldbestellung und von den Erntearbeiten beansprucht ist, gehört den Arbeiten im Walde und auf der Viehweide. Zu jedem ordentlichen Bauernanwesen gehört auch ein ansehnliches Stück Wald und Almländereien; wichtige Winterarbeiten sind der Transport von Holz und Streu aus den Wäldern, von Heu aus den Heustädeln der höher gelegenen Bergwiesen nach den Gehöften.
Im Frühjahr wandert ein Teil des Gesindes mit dem Vieh nach den Höhen, um bis zum Herbste als Hirtenvolk droben zu leben. Bloß in einzelnen Teilen Nordtirols werden die Almen von Sennerinnen bezogen; im größten Teile des Landes von Männern, die entweder Senner (Melcher) oder Ochsner sind. Senner und Sennerinnen haben die Milchkühe zu versorgen, Milch, Butter, Schmalz und Käse zu gewinnen, und, was sie davon nicht selber verbrauchen, ihrem Bauer ins Thal hinabzutragen. Die Ochsner hüten jene Herden von Jungvieh, welches, zur Handelsware bestimmt, im Frühsommer auf die Almen getrieben wird, um sich droben mit den kräftigen Gräsern und Kräutern des Hochgebirges zu nähren. Die Arbeit der Senner verlangt mehr Kenntnis und Sorgfalt, auch größere Reinlichkeit. Darum sind die Hütten der Senner, und ganz besonders der Sennerinnen, wohnlicher und sauberer; jene der Ochsenhirten und noch mehr der Schafhirten dagegen erscheinen als die denkbar urwüchsigsten menschlichen Behausungen, ohne Spur von Bequemlichkeit; nur ein Heulager und eine oft nicht einmal über den Erdboden emporragende Feuerstätte unter einem Dache und zwischen Wänden, durch die der Bergsturm heult. Wege freilich müssen zu all’ diesen Hütten führen; aber bloß um der Tiere, nicht um der Menschen willen.
Eine eigentümliche Art von Wanderung veranlaßt auch die Zeit der Heumahd auf den Alpenwiesen. Jene großen ergiebigen Grasflächen, welche nicht als Weideland benützt werden, sondern deren Heu man in die Gehöfte herabbringen will, um es als Winterfutter zu benützen, können, wenn sie von den Dörfern entfernt liegen, nicht an einem Arbeitstage gemäht werden, sondern verlangen mehrtägige Arbeit. Da wandert denn ein großer Teil der Dorfbevölkerung mit Sensen, Rechen und Heugabeln nach den Höhen hinauf; auch Kochgeschirr und Nahrungsmittel werden mitgenommen, und es beginnt eine Zeit froher Arbeit unter blauem Himmel, angesichts der prachtvollen Bergwelt. Dabei kommen allerlei Übermut, Scherz und Gesang und auch die Liebe zu ihrem Recht; übernachtet wird auf duftendem Heulager.
Abb. 72. Achensee, gegen die Pertisau.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Technisch sind die Tiroler erfinderische Köpfe. Man kann in ganz abgelegenen Thälern sehen, wie der Erfindungsgeist mit der rauhen Natur kämpft und ihre Kräfte dienstbar zu machen sucht. Der Hirt, dem der Gletscherbach den Steg zu seiner Hütte fortgerissen hat, muß sich eine neue Brücke bauen; er muß sein eigener Ingenieur sein. Als Naturkraft ist überall das fließende Wasser zu haben. Man nützt es aus, indem man durch kleine Mühlrädchen Butterfässer und Drehbänke, ja selbst Kinderwiegen in Bewegung setzt. Kleine, mit Dünger beladene Wagen werden auf steile Bergwiesen durch ein Seil hinaufgezogen, das über eine von einem Mühlrad getriebene Welle läuft. So braucht man überall die Bergbäche zum Betrieb von Mühlen, Hammerwerken, Sägen und dergleichen.
Industrie, Handel und Verkehr.