Die industrielle Thätigkeit des Tiroler Volkes ist weit vielseitiger, als der Reisende, der das Land nur auf Dampfesflügeln durcheilt, anzunehmen geneigt ist. Für ihn verschwindet sie nur im Vergleich zu der kolossalen Natur, unter deren Riesengebilden die Gestaltungen des menschlichen Gewerbfleißes notgedrungen etwas zwerghaft erscheinen müssen. Die mineralische Rohproduktion entringt den Eingeweiden der Erde Eisen, Kupfer, Blei, Zink und Braunkohlen. Wichtiger als all’ dies zusammen ist das in den Salinen von Hall gewonnene Salz. Hochachtbar ist ferner die Erzeugung von Cement und hydraulischem Kalk in der Umgebung von Kufstein und Kirchbichel; die Produkte derselben gehen nach Deutschland, Österreich-Ungarn, Italien und den Donautiefländern. Auch die Marmorbrüche von Trient und Laas führen einen Teil ihres Erzeugnisses aus. Die Metallindustrie ist von alters her eine blühende im Unterinnthale, namentlich für landwirtschaftliche Werkzeuge, Sensen, Sicheln, auch Äxte, Sägen und dergleichen. Die Nahrungsmittelindustrie liefert konservierte Gemüse und Früchte; letztere in unerreichter Güte; große kaiserliche Tabakfabriken arbeiten in Schwaz und Sacco (Etschthal). Die Baumwollindustrie ist in Vorarlberg mit glänzenden Erfolgen und in großen Etablissements thätig; sie umfaßt Spinnereien, Webereien, Kattundruckereien, chemische Bleichen und Färbereien (Türkischrot). Im Innthale werden neben Baumwollwaren auch Leinen- und Schafwollwaren erzeugt; eine Specialität ist der unverwüstliche Tiroler Lodenstoff. An die Stelle dieser Zweige der Textilindustrie tritt in Südtirol, von Bozen abwärts, die Seidenindustrie, mit dem Centrum Rovereto; leider in starkem Rückgange wegen der Seidenraupenkrankheit; so daß 1886 noch 1500000 kg Rohseide erzeugt wurden, 1892 nur mehr 662500. Fabriken für Seidenstoffe arbeiten zu Ala und Rovereto. Die Holzschnitzerei ist als Hausindustrie im Grödener Thal verbreitet und genießt eines vortrefflichen Rufes.

Die Lage Tirols zwischen Deutschland und Italien machte das Land schon im Mittelalter zu einem wichtigen Durchzugsgebiet und weckte bei den Anwohnern der Hauptverkehrswege einen gewissen Handelsgeist. Aber bei der Armut und der Einfachheit der Bedürfnisse, die in den abgelegeneren Thälern herrscht, konnte von einer lebhafteren Entwickelung des Binnenhandels nicht die Rede sein; Bozen ist die einzige Handelsstadt; die übrigen Plätze beschränken sich meist auf Specialitäten. Die, namentlich früher, recht unvollkommenen Verkehrsgelegenheiten mußten dem Hausierhandel eine erhöhte Bedeutung zuweisen; so stellten denn die Tiroler einen ansehnlichen Beitrag zum internationalen Hausiergewerbe und waren vordem als Teppichhändler überall in Deutschland und Oesterreich gesehen. Diese Teppichhändler kamen zumeist aus dem Defferegger Thale; aus dem Zillerthale die Handschuh- und Viehhändler; mit Holzschnitzereien wanderten die Grödener, mit Südfrüchten die Passeirer und Vintschgauer. Die Bewohner anderer Thäler unternehmen als Arbeiter Wanderungen nach Deutschland, Österreich und Italien. So findet man allenthalben in diesen Ländern Tiroler als Maurer, Steinmetzen und Stuckateure, Ziegelarbeiter, Hausknechte, Holzarbeiter. Glänzende Reichtümer werden selten heimgebracht; doch sind einzelne Leute in ihr heimisches Thal mit ansehnlichen Vermögen zurückgekehrt; und alle diese Wanderarbeiter verdienen in der Fremde mehr, als sie daheim erwerben könnten.

Abb. 73. Eng-Alpe (Hinterriß).
(Nach einer Originalphotographie von B. Johannes in Partenkirchen-Meran.)

Die denkbar schroffsten Gegensätze weist in Tirol das Verkehrswesen auf. Durch das Innthal, über den Brenner, durchs Puster- und Brixenthal, über den Arlberg, und durch die Veroneser Klause donnern die Eilzüge mit ihren bequemen Schlafwagen. Aber von manchen Stationen dieser Bahnen führt keine Straße mehr weiter, sondern nur Saumwege. Und aus dem Fenster des dröhnenden Eisenbahnwagens sieht man gegenüber an den Felswänden Steige, die nur der schwindelfreie Älpler zu begehen vermag. Die Tiroler Poststraßen sind fast durchgängig vortrefflich, einzelne von ihnen wahre Meisterwerke des Straßenbaus, wie etwa die Straße von Landeck über Finstermünz und die Malser Heide nach Mals, die Stilfser Jochstraße, der kühne Straßenzug über die Mendel, der Fernpaß und andere. So wie man jedoch die Poststraßen verläßt, werden die Wege dürftig. Die kurzen Anfangsstrecken, die in die Seitenthäler hineinführen, sind noch zur Not fahrbar; oft hört aber bei der ersten Thalstufe schon der Wagenverkehr auf; die Saumpfade beginnen und die letzten Verzweigungen der Wege sind schwindlige Fußsteige, an Abgründen entlang führend und zuletzt in Fels- und Eiswüsten endend. Und nicht bloß Fußsteige und Saumwege; auch Fahrstraßen werden oft genug im Frühjahr durch Lawinen, im Sommer durch Gewitterregen streckenweise ungangbar gemacht, zerrissen, mit Schlamm- und Steinströmen überschüttet. So ist der Verkehr zwischen den hoch gelegenen Gebirgsdörfern und den tieferen Thallandschaften schon in der guten Jahreszeit oft erschwert, im Winter wochenlang unmöglich, bis durch den tiefen Neuschnee Bahn geschaffen ist.

Tiroler Kunst.

Der stark ausgeprägte künstlerische Sinn des Tirolers bethätigt sich zunächst in seiner Architektur. Daß das Tiroler Bauernhaus weit interessanter und mannigfaltiger in seiner Erscheinung ist, als das fränkische oder niedersächsische, hat seine guten Gründe. Die von der Natur aufgenötigte Verschiedenheit des Baumaterials, die Unebenheit des Bodens, das Streben nach der Sonnenseite und nach der Front des Thalwegs: alle diese Bedingungen wiesen den Tiroler Baumeister seit den ältesten Zeiten auf eine Mannigfaltigkeit der Bauformen hin, die eben in der Ebene nicht notwendig ist und sich deshalb auch nicht ausbildet. Zu diesen natürlichen Bedingungen der Entwickelung des Kunstsinns kamen noch geschichtliche Verhältnisse: die Einflüsse der römischen Kunst in den Zeiten der Römerherrschaft, der Anregungen aus Italien seit dem Mittelalter. Der Bau des Bauernhauses mußte wieder auf den Bau der Kirchen einwirken, womit dann weiter deren innere Ausschmückung, Plastik und Malerei, zusammenhängen. Frühzeitig mußten die Tiroler zu der Empfindung kommen, daß ihre Häuser, Kirchen, ja die ganzen Ortschaften nicht bloß architektonisch, sondern auch landschaftlich wirkten. Die Plastik, für kirchlichen Schmuck und für die kleinen Heiligtümer des Hauses arbeitend, konnte namentlich auf Holzbildhauerei sich werfen; die Malerei, ebenfalls zumeist für kirchliche Zwecke schaffend, ward mit Vorliebe Heiligen- und Historienmalerei. Der berühmteste unter den Tiroler Malern ist Franz von Defregger geworden, ein Bauernsohn aus dem Pusterthale, dessen künstlerische Kraft sich aus den Stoffen und Zuständen seiner Heimat unerschöpfliche Jugend sammelt. Neben ihm steht würdig Mathias Schmid aus Paznaun (Abb. [51] und [53]). Daß die Künstler Tirols ihre Werkstätten nach auswärts verlegten, hat seinen guten Grund; die Kunst bedarf jenes geistigen Luftzuges, der durch die große Welt, nicht durch die engen Thäler weht. Darum hat auch die Dichtkunst keine rechte Heimstätte in Tirol gefunden. Wohl rühmt sich das Land, daß des edlen Minnesängers Walther von der Vogelweide Heimathaus auf luftiger Höhe über dem Eisack steht ([Abb. 52]); aber auf die neuere und neueste Entwickelung deutscher Sprache und Dichtung hat Tirol keinen Einfluß genommen. Das liegt indessen nicht am Volke, sondern an seinen bisherigen Erziehern, die der Freiheit des Denkens und Empfindens nicht jenen Spielraum ließen, dessen sie zu litterarischen Großthaten bedurft hätte. Der Tiroler wird in seinen Thälern wohl zu einem frommen und patriotischen Empfinden erzogen, aber nicht zu jener Weltumschau und geistigen Flugkraft, die man vom modernen Schriftsteller verlangt. Beda Weber und Hermann von Gilm sind die hervorragendsten Dichter Tirols aus diesem Jahrhundert; aber sie sind außerhalb Tirols kaum genannt. Das Land muß seinen Klassiker noch gebären; aber daß es ihn aus seinem Felsenboden hervortreten lassen wird, ist sicher bei einem Volke, dessen Phantasie dereinst die glanzvollen Gestalten des deutsch-langobardischen Sagenkreises schuf und von dessen Burgen so reich der Minnesang erklungen ist.

Abb. 74. Schwaz.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Gesang und Dichtung. Wohlstand.