Der künstlerische Sinn des Volks zeigt sich auch im Volksgesang. Es ist aber merkwürdig, wie ungleichartig die Freude am Singen verbreitet ist. Die klingende jauchzende Heimat des Tiroler Volksliedes ist das Zillerthal mit seinen grünen Matten und seinen schneidigen lebensfrohen Menschen. Hier schallt aus jeder Hütte das zur Musik gewordene Denken und Fühlen des Volks. Von hier aus hat die sangeskundige Familie der Rainer ihre Liederfahrten um die Welt gemacht und sich Ehren und Reichtum erworben, ohne ihrer Tiroler Heimat darüber zu vergessen. Es ist freilich nicht mehr alles, was man im Zillerthale hört, reiner Volksgesang; verführt vom Beifall der großen Welt, haben die Tiroler sich zu ihren alten Liedern manches hinzugesungen und hinzukomponieren lassen, was nicht echt ist. Aber echt ist ihre Freude am Gesang, echt ihr Talent. Außer dem Zillerthal singt man auch gern im ganzen Unterinnthal und in all’ den Thälern, die an die almenreichen bayerischen Berge angrenzen. Auch im Pusterthale wird gesungen; aber da mischen sich in den jauchzenden übermütigen Klang der Lieder jene eigentümlichen schwermütigen Motive, die dem Kärntner Volkslied eigen sind und wohl südslavischen Gesängen entstammen oder nachempfunden wurden. In den übrigen Thälern Tirols singt man nur, wenn der Wein die Zungen löst — ausgenommen im liederfrohen Ultner Thale.

Der Gesang verbindet sich entweder mit dem Trinken oder mit der Liebe. In den Nordtiroler Wirtshäusern wird gesungen, wenn sich die Bursche, jeweils auch Bursche und Mädchen an Sonntagen versammeln. Dann lösen Gesang und Tanz sich ab. Auch in den Almhütten beim Herdfeuer und auf den Bergwiesen bei der Heumahd wird gern gesungen. Seine trutzigsten Lieder singt der junge Tiroler, wenn er vom „Gasselgehen“ heimkehrt. Das Gasselgehen ist der Gang an Liebchens Fenster, ein Gang, der in allen Alpenländern und auch anderwärts vorkommt. Führt er den jugendlichen Wagehals in ein fremdes Dorf, so ist er nicht ganz gefahrlos; denn es kann dem Eindringling leicht begegnen, daß er von eifersüchtigen Gegnern „heimgescheitert“, d. h. mit Baumästen, Holzscheiten und Zaunpfählen während seines Rückzugs geworfen wird, wobei schon mancher feurige Liebhaber auf dem Platze geblieben sein soll. — Eine durchaus bodenständige Kunst, aber merkwürdigerweise nur im Unterinnthal und dessen Nachbarschaft, ist das volkstümliche Drama. Man muß die Bauerntheater in Thiersee, in Brixlegg, in Erl gesehen haben, um darüber zu staunen, mit welchem sicheren künstlerischen Bewußtsein eine kleine bäuerliche Dorfbevölkerung sich einen Tempel dramatischer Muse schafft, ihn mit Gestalten belebt und ihn mit herzlicher Zuneigung zur Blüte ihres Genußlebens macht. Auf den Tiroler Bauerntheatern werden, durchwegs von Bauern, Stücke gespielt, deren Inhalt der Leidensgeschichte Christi, aber auch der christlichen Legende, der deutschen Volkssage, der Geschichte des romantischen Mittelalters, dem Tiroler Freiheitskriege und dem bäuerlichen Leben der Gegenwart entnommen ist.

Daß das Schwergewicht nationaler Bedeutung für Tirol in den Dörfern, nicht in den Städten liegt, erklärt sich leicht. In den Städten hat man, seit sie bestanden, behaglich gelebt; den stählenden Kampf ums Dasein mußte seit Jahrhunderten der Bauer führen. Er mußte sein Besitztum und seine Arbeitsfrucht ununterbrochen einer erbarmungslosen Natur aus den Felsenzähnen reißen, während der Städter, von seinen Mauern und Thoren geschirmt, unter schützenden schattigen Lauben gefahrlosen Erwerbs sich freute, den der lebhafte Verkehr an den alten Welthandelsstraßen reichlich bot. Bozen mußte bei seinem milden Klima und seiner an Blüten und Früchten reichen Umgebung schon im Mittelalter eine Stadt des Wohlstands und des Genusses sein, die von der Natur mehr begünstigt war, als irgend eine andere Stadt im deutschen Sprachbereich. Und daß auch Innsbruck und die kleineren Tiroler Städte gern manches vom heiteren Lebensgenuß des Mutterländchens annahmen — wen möchte das wundern? So finden wir in den Tiroler Städten nicht jene stahlklirrende Arbeitshast, jene nervenzerstörende Unrast, jenen freudlosen Erwerbseifer, wie in vielen gleich großen deutschen Städten. Man nimmt sich Zeit zum Leben hier in den alten behäbigen Bürgerhäusern; in den Amts- und Ratsstuben, wo gemütliche, nichts übereilende Würdenträger hausen; in den sauber getäfelten, zum langen Sitzen so geeigneten Speisezimmern der Gasthäuser, wo es so zarte Backhühner und so feurigen Kalterer Specialwein gibt!

Abb. 75. Hall bei Innsbruck.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

VI.
Das Unterinnthal und seine Nachbarschaft.

Unter den von Norden her nach Tirol führenden Zugängen ist bei weitem der wichtigste jenes breite Felsenthor, das sich der Innstrom zum Ausgang aus Tirol durch die nördlichen Kalkalpen gesucht hat. Wer auf der München-Innsbrucker Bahnlinie sich diesem Felsenthore nähert, sieht schon von der bayerischen Hochebene aus seine dunkel bewaldeten Eckpfeiler und hinter ihnen die Tiroler Berge: die bizarre Zackenmauer des Wilden Kaisers und die blinkende Schneepyramide des Großvenedigers. Die Bahn läuft, nachdem sie von der Hochebene in die Alpen eingetreten ist, noch eine Zeitlang auf dem linken, bayerischen Innufer stromaufwärts, während drüben auf dem rechten Ufer unter den waldigen Hängen des Grenzhorns schon das erste Tirolerdorf, Erl, sich zeigt.

Abb. 76. Dorf und Schloß Ambras.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Walchsee.