Gleich darauf, bei der bayerischen Bahnstation Oberaudorf, erschließt sich nach Osten hin das erste Seitenthal des Innthals: die freundliche Hügellandschaft der Sewi. Es ist offenbar ein vormaliges Seebecken, durch welches der Inn hier seine Fluten träge zwischen Erlenauen hinwälzt. Eine geräumige Mulde zwischen den bis zum Gipfel hinauf grün bematteten bayerisch-tirolischen Grenzgebirgen und dem schrofferen Felsenbau des Wilden Kaisers läßt hier Raum für mehrere Dörfer und zahlreiche Einzelnhöfe. Wer etwa in Oberaudorf dem Bahnzuge entsteigt und sich über den Inn setzen läßt, kommt in eine hügelige Ebene mit wohlhabenden Dörfern und stattlichen Gehöften. Den Mittelpunkt dieser Landschaft bildet das runde liebliche Becken des Walchsees. Nur die finstere Felsenburg des Kaisergebirgs, das im Süden sich aufbaut, mahnt hier daran, daß man sich in einem Hochgebirgslande befindet; sonst sind alle Höhen grün und sanft geschwungen.
Abb. 77. Waffensaal in Schloß Ambras.
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)
Abb. 78. Spanischer Saal in Schloß Ambras.
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)
Kitzbühler Ache.
Das Thal setzt sich nach Osten fort; aber die Wasser, die vorher zum Inn flossen, suchen sich jetzt einen anderen Weg. Man hat unversehens eine niedrige Wasserscheide überschritten und gelangt in ein von Nord nach Süden führendes Thal. Es ist das der Großache, auch Kitzbühler Ache genannt. Dieser Bergstrom entspringt an der Grenze von Tirol und dem salzburgischen Pinzgau auf der sumpfigen Höhe von Paß Thurn und ergießt sich nach einem Laufe von 70 km in das weite Becken des bayerischen Chiemsees. Wo er am sagenumwehten Engpaß bei Klobenstein das Grenzgebirge durchbricht, ist der östlichste Zugang aus Bayern nach Tirol. Das Großachenthal enthält eine Reihe einsamer waldreicher Landschaften. Von seinem nördlichen Ende im Chiemseebecken zieht es durch das Kalkgebirge bis nach Kitzbühel; von hier aufwärts bis zum Ursprung der Ache durch Thonschiefer. Der nördlichste Tiroler Ort im Großachenthal ist Kössen, ein Straßenknotenpunkt, von wald- und almenreichen Hügeln umgeben. Rauchende Schlote verkünden gewerbliches Leben; sie gehören zu einem großen Eisenhüttenwerk.
Abb. 79. Innsbruck im Jahre 1575.
(Nach dem gleichzeitigen Bilde von Braun & Hogenberg.)
Großachenthal. Loferer Steinberge.