Kössen ist ein Knotenpunkt, von welchem fünf Straßen nach verschiedenen Richtungen hin ausstrahlen: nach Norden und Osten zu über die Landesgrenze ins Bayerische; westwärts über Walchsee zum Inn; südlich durch einsame Waldthäler nach Sankt Johann und Kitzbühel. Bleiben wir im Hauptthal der Ache, um ihr Gebiet kennen zu lernen, so nimmt uns zunächst einförmige Landschaft auf; in einer Erstreckung von 10 km finden sich hier nur ein paar Bauernhöfe. Sonst nichts als Wald und abermals Wald. Erst in der Nähe von Erpfendorf wird die Gegend offener. Hier zieht sich eine für den Verkehr von Nordtirol nach den salzburgischen Landen wichtige Thallandschaft nach Osten hin. Bei Waidring gabelt sich dieses Thal; während ein Ast desselben sich nach Süden wendet, wo unter den weißgrauen Steilabstürzen des Loferer Steingebirgs der weltvergessene Pillersee in träumerischer Stille ruht, zieht sich ein anderer Ast nach Osten. Dahin fließen nunmehr auch die Wasser der Strubache. Die Landschaft gewinnt einen mächtigen Zug, den ihr die Abhänge der Loferer Steinberge verleihen. Dieser bedeutende, durch kühne Formen seiner treppenförmig ansteigenden Gipfel ausgezeichnete Gebirgszug bildet den nordwestlichsten Grenzpfeiler Tirols gegen Salzburg und erreicht im Birnhorn eine Höhe von 2634 m. Das Thal der Strubache aber verengt sich zum felsummauerten Paß Strub, in dessen Tiefe eine einsame granitene Säule von jenen blutigen Kämpfen, die einst um den Grenzpaß tobten, Zeugnis gibt.

Abb. 80. Innsbruck, gegen Norden gesehen.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

St. Johann. Kitzbühel. Kaisergebirge.

Von Erpfendorf aufwärts, im Hauptthal der Ache, wird das Gelände offener; die Straße führt nach Sankt Johann „in Tirol“ zum Unterschied von anderen gleichnamigen Orten ([Abb. 54]). Hier ist ein natürlicher Verkehrsmittelpunkt; Thäler öffnen sich nach vier Seiten; durch zwei derselben zieht der Eisenpfad der Giselabahn. Nach Südosten thut sich ein weiter grünender Thalgrund auf, der von Pramau, durch den in starker Steigung die Bahn aufwärts strebt nach Fieberbrunn und Hochfilzen. Bei letzterem, hart am Fuße des Leoganger Steingebirgs, erreicht sie die Wasserscheide zwischen Inn und Salzach, um in wilder und einsamer Landschaft beim Paß Griesen die salzburgische Grenze zu überschreiten. Im Südwesten von Sankt Johann hat der frühere Reichtum des Thonschiefergebirgs an silberhaltigen Kupfererzen einen merkwürdigen Bergbau entstehen lassen: die Gruben am Röhrerbühl, in denen ein Schacht gegen 1000 m unter die Erdoberfläche hinabstieg, als einer der tiefsten Schächte Europas. Der Metallreichtum, der nach der Sage drei Bauern im Traum erschienen sein soll, ward seit 1540 ausgebeutet, versiegte aber nach hundert Jahren allmählich.

Von Sankt Johann läuft im breiten Achenthal die Giselabahn nach dem anmutig und großartig gelegenen Städtchen Kitzbühel ([Abb. 55]). Dasselbe ist heute noch der wichtigste Platz im Achenthal, ehedem bedeutender wegen des Handelszugs über die Tauernpässe und nach Italien und wegen des Bergbaues auf Silber- und Kupfererze. Südlich von Kitzbühel zieht das Achenthal noch 14 km aufwärts in das einförmige Thonschiefergebirge und endet in einem Hochmoor bei Paß Thurn an der Grenze des salzburgischen Pinzgau.

Wir wenden uns wieder zurück an den Eingang des Innthals.

In schauerlicher Wildheit bauen sich unmittelbar über Kufstein die Kalkschroffen des Kaisergebirgs empor. Wir durchwandern von Kufstein aus, um in das Innere dieses Bergzuges einzudringen, eine Viertelstunde lang eine kleine grüne Fläche; dann stehen wir an einer schattigen Felsschlucht, durch welche der aus dem Kaiserthale kommende Kaiserbach herabschäumt. Von hier führt kein Fahrweg mehr in das Thal; nur ein treppenartig ansteigender Saumpfad. Sind wir aber eine Viertelstunde auf diesem emporgestiegen, so erschließt sich das Kaiserthal, grün und einsam, nur von sechs Bauernhöfen, den Kaiserhöfen, und von den in der Höhe droben sich sonnenden Almen belebt. So ist das Kaiserthal eine kleine Welt für sich, gegen Norden von der Welt abgeschnitten durch den massiven plateauartigen Aufbau des „Zahmen“ Kaisers; während im Süden der Wilde Kaiser seine lange, viel mächtigere Felsenmauer emportürmt. Die Kaiserhöfe liegen alle auf den schönen Matten der Sonnenseite, die hier, durch lichten Wald unterbrochen, allmählich ansteigen bis zur Hochfläche des Zahmen Kaisers. Immer großartiger und wilder wird die Landschaft, je weiter wir in das Thal eindringen; schroffer und unbezwinglicher erscheinen die gezackten Türme, die im Süden aufragen.

Hinter dem sechsten und letzten Kaiserhofe hört das Thal auf, dauernd bewohnt zu sein. Ein gut gebahnter Steig führt noch 1½ Stunde weiter zu einer reizenden Heimstätte für Alpenwanderer: dem Hinterbärenbad ([Abb. 56]). Diese Herberge ist nur im Sommer bewirtschaftet, weil sie nur als Standquartier für Bergfahrten dient. Gegen Süden erschließen sich hier jene grauenhaft öden schutterfüllten Felsmulden, aus denen lotrecht die zerrissenen Wände und Türme des Sonnenecks, des Treffauer Kaisers, der Karlspitzen, der Haltspitzen, der Ackerlspitze und Maukspitze sich erheben. Seinen Höhepunkt erreicht das Gebirge in der 2344 m hohen Elmauer Haltspitze. Zu ihr führt ein nur schwindelfreien Kletterern zugänglicher Steig, der an den bedenklichsten Stellen durch Eisenstifte, die man in den Fels getrieben hat, gangbar gemacht ist. Oben auf der schrecklichen Pyramide dieses Hochgipfels heulen die Stürme rüttelnd um einen winzigen Bretterbau, eine Zuflucht für Bergsteiger, die hier etwa von einem Hochgewitter überrascht werden.

Thiersee.