Einen sonnigen lachenden Gegensatz zur düsteren Größe des Kaiserthals bildet das Thal von Thiersee, in das westlich von Kufstein aus dem Innthal ein Sträßchen über den Rücken des Thierbergs führt. Die Thierseer Ache fließt aus zahlreichen Bergbächen zusammen, welche teils auf dem Tiroler, teils auf dem bayerischen Grenzgebirge entspringen, und ergießt sich etwas nördlich von Kufstein, bei der bayerischen Bahnstation Kiefersfelden in den Inn. Das Thal hat mehr den Charakter einer Hügellandschaft, als einer Hochgebirgsgegend: üppig grünende, sanft geschwungene Berghänge, die in den höheren Lagen bewaldet sind, klare Bäche und überall stattliche wohlhabende Gehöfte, nicht so nahe aufeinander gerückt, daß sie sich gegenseitig beengen könnten, und doch nahe genug zu allenfallsiger gegenseitiger Hilfeleistung. Man wird kaum eine Gegend in der Welt finden, wo sich die Lichtseiten einer freien unvermischten Bauernbevölkerung unverfälschter beobachten lassen, als in diesem Thierseer Thale. Das Herz der Landschaft ist Vorderthiersee, ein Dorf mit ziemlich zerstreuten Gehöften, in der Nähe des Thiersees, eines stillen, wiesenumrandeten Gewässers, um dessen Ufer die Glocken weidender Kühe und der im Bergwald rauschende Wind eine überaus friedliche Stimmung erklingen lassen ([Abb. 57]). Das war nicht immer so. Im Jahre 1703, und später wieder 1805 und 1809 zeigten die Thierseer den eindringenden Bayern und Franzosen den ganzen todverachtenden Mut der Tiroler Freiheitskämpfer; und Jakob Sieberer, ein Volksheld aus dem Thierseer Thale, wird rühmlich neben Hofer und Speckbacher genannt. Auch darf nicht unerwähnt bleiben, daß die Bauern von Thiersee den Musen keineswegs abhold sind. Gesungen wird im Thierseethale, wie in dem benachbarten lebensfrohen Bayerisch-Zell; außerdem haben aber die Thierseer ihr eigenes Theater, einen ansehnlichen Bretterbau, in welchem während der Sommermonate allsonntäglich von bäuerlichen Liebhabern dramatischer Kunst gespielt wird.
Abb. 81. Inneres der Hofkirche in Innsbruck.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Abb. 82. Theresienstraße in Innsbruck.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Thiersee. Kufstein.
Die Bauern von Thiersee besitzen ein so ausgedehntes Gebiet an Bergweiden, daß dasselbe im Sommer nicht bloß ihre eigenen Rinder, sondern auch große von auswärts zugetriebene Herden ernährt. So zieht sich denn während der schönen Jahreszeit ein großer Teil des Lebens der Bevölkerung nach den Almen hinauf. Und die Mädchen von Thiersee, die als Senninnen droben auf den Almen hausen, sind berühmt wegen ihrer Schönheit. Auf diesen Almen kann man neben frohmütigem lachenden und blonden Weibervolk wohl auch jene dunklen rätselhaften Schönheiten sehen, bei deren Anblick man eher vermuten möchte, sie seien verkappte Berggeister. Alle aber verstehen sie’s, ihre hellstimmigen Jauchzer hinüberzusenden über des Landes Grenze zu den benachbarten bayerischen Almen, von wo die übermütige Antwort wiederklingt.
Abb. 83. Oberinnthaler.
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)
Zwei Ortschaften liegen noch höher droben im Thale: Hinterthiersee und Landl. Westwärts wird es dann ganz einsam und still; die grauen Wände des „Hinteren Sonnwendjochs“ umdüstern die Landschaft. Das einzige Sträßchen, welches das Thal durchzieht, wendet sich nordwärts, um durch waldige Schluchten, in denen noch die Erinnerungen längstvergangener Kämpfe geistern, hinaus nach dem lustigen Bayerisch-Zell zu ziehen, über das der liederreiche Wendelstein sein Felsenhaupt erhebt.