Abb. 84. Scharnitzer.
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Erst nachdem wir diese, dem Haupteingang Tirols nebenliegenden Gebiete kennen gelernt haben, betrachten wir uns die Eingangspforte selber: das alte Grenzstädtchen Kufstein (1900 Einw.; [Abb. 60]) mit seiner ragenden Feste. Eingekeilt liegt es zwischen dem Innstrom und den Ausläufern des Kaisergebirges, beherrscht von der auf einem isolierten Felsklotz erbauten Festung. Stadt und Feste waren im früheren Mittelalter bayerischer Besitz; im Jahre 1503 aber, gelegentlich eines bayerischen Erbfolgestreites, gerieten sie in die Hände des Kaisers Max I., der damals eigenhändig seine schwersten Geschütze gegen sie richtete und ihren ungehorsamen, aber tapferen Befehlshaber Pienzenauer enthaupten ließ. Seit jener Zeit gehörte Kufstein zu Tirol. Während des Krieges von 1703 ward es von den Bayern vorübergehend genommen; ebenso wieder 1809. Damals ward es von seiner bayerischen Besatzung mit zäher Tapferkeit gehalten, obwohl der kühne Speckbacher selber seine ganze List und Verwegenheit daran setzte, die Feste zu gewinnen.

Die Lage von Kufstein ist reizend. Das Flachland selber sieht man von hier nicht mehr, wohl aber die tiefe Einsattelung der nördlichen Kalkkette, hinter der es liegt. Im Osten streben die Felsenpfeiler des Kaisergebirges empor; im Westen die klotzige Pyramide des Pentlings; nach Südwesten schweift der Blick weit, weit thalaufwärts, bis zu den im Fernduft verschwindenden Stubaier Fernern.

Unterinnthal.

Von Kufstein aufwärts bis Innsbruck erstreckt sich das Unterinnthal, wohl die wichtigste Lebensader des ganzen Tirolerlandes. Seine Natur steht zwar an Üppigkeit und Freigebigkeit zurück hinter jener des unteren Etschlandes. Aber seine Bevölkerung ist gleichartig und von kraftvollem Schlage (Abb. [58] bis [62]), den Bestrebungen der Aufklärung und des Fortschrittes nicht abhold, in lebhafterer Berührung mit dem stammverwandten Deutschland, angeregt von der großen Weltverkehrsader, von der das Thal durchzogen wird. Dabei hat dieses auf seiner breiteren Sohle und den sanfteren seiner Gehänge Raum zwar nicht für größere Städte, wohl aber für wohlhabende kleinere Orte und zahlreiche zerstreute Sitze eines freien Bauernstandes, der mit der Gemütlichkeit und schneidigen Kraft des Altbayern, dem er zunächst verwandt ist, einiges von der geschäftlicheren Gewandtheit des Alemannen verbindet. Ist doch der Typus des Unterinnthalers in Speckbacher zu suchen, dem kühnen und umsichtigen Generalstabschef Andreas Hofers, dem leitenden Geiste des großen Tiroler Volkskrieges. Die Unterinnthaler wären schon für sich allein, mit den Einwohnerschaften ihrer Seitenthäler, ein durchaus charakteristisches fertiges Völkchen, kraftvoll genug, um ein eigenes Staatswesen zu bilden und eine eigene Geschichte zu haben, wie vordem die Bevölkerungen der Schweizer Kantone sie hatten.

Abb. 85. Lechthalerin.
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Wir setzen unsere Wanderung durch das Innthal, von Kufstein aufwärts, fort. Hat man die Strecke, wo der Innstrom den Zug der nördlichen Kalkalpen quer durchbricht, hinter sich, so verliert das Thal auf eine Länge von fast 20 km seine romantische Größe; seine beiden Umwallungen sind ziemlich einförmige, nicht schärfer charakterisierte Berglinien. Zwei Straßen laufen thalaufwärts, eine rechts und eine links vom Innstrom; zwischen beiden die Bahnlinie. Das Thal, das ziemlich eng erscheint, solange noch von Osten her die Felsenburg des Kaisergebirges hereindroht, erweitert sich allmählich. Seine Südostseite wird zu einer Terrassenlandschaft, welcher die Steinkohlengruben von Häring und die berühmten Cementwerke bei Kirchbichl einen stark industriellen Zug verleihen. Ländlicher ist die nordwestliche Thalwand geblieben. Hier hat sich, auf eine Ausdehnung von etwa 15 km, von Langkampfen bis Brixlegg, zwischen das Strombett und die nordwestliche Thalwand ein Mittelgebirge eingelagert: eine niedrige Trümmerlandschaft, teils bewaldet, teils zu sanften Mulden ausgeweitet, in denen grüne Matten, kleine Waldteiche, Eichengruppen und schöne Bauernhöfe anmutige Landschaftsbilder bieten. Hier liegt auch der berühmte Wallfahrtsort Mariastein in idyllischer Stille. Es ist eine alte Ritterburg, durch ein wunderthätiges Marienbild, welches, mehrmals weggebracht, hartnäckig hierher zurückkehrte, zum Wunderplatze gefeit.