Abb. 86. Die Martinswand.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Brixenthal. Wildschönau. Rattenberg.

Auf der anderen Thalseite ist es lebhafter. Dort, bei der Station Wörgl, mündet in die Innthaler Bahnlinie, von Osten her kommend, die Giselabahn; das Thal hat sich zu einem breiten Wiesengrunde erweitert. In ihn öffnen sich zwei Thalspalten. Durch die nördliche derselben, das Sölland genannt, führt die wichtige Kaiserstraße unter dem Südabsturz des wilden Kaisers nach Sankt Johann. Dieser Straßenzug bezeichnet die geologische Scheide zwischen dem Kalkgebirge im Norden und dem Thonschiefer im Süden. Wichtiger für den Verkehr ist aber in neuerer Zeit die südlichere dieser Thalspalten geworden: das Brixenthal, durch welches die Giselabahn nach Kitzbühel und weiterhin nach Zell am See und Salzburg führt. Das Brixenthal hat zwar nur eine schmale Sohle, aber geringere Neigung seiner Thalwände, als die meisten anderen Thäler. Prächtige Matten erstrecken sich bis zu den Gipfeln der Berge hinauf, mit unzähligen braunen Heustädeln besetzt. Die Wälder aber sind, wenigstens in den unteren Lagen, schlecht und arg mißhandelt. Das Thal, in welchem die ansehnlichen Ortschaften Hopfgarten und Brixen und, schon jenseits der niedrigen Wasserscheide, Kirchberg liegen, empfängt seine Wasserzuflüsse aus langen einförmigen Seitengründen, die von den Thonschieferbergen im Süden herabziehen. Seine nördliche Vorlage bildet die hohe Salve, eine aussichtsreiche grünbemattete Kuppe, die jedoch, abgesehen von ihrer berühmten Rundsicht, als Berg an sich kein Interesse bietet.

Auf dem nur spärlich bevölkerten und teilweise versumpften rechten Innufer trägt uns die Bahn thalaufwärts nach Kundl. Der Ort soll seinen Namen von der heiligen Kunigunde, der Gemahlin Kaiser Heinrichs II., haben. Sicher ist, daß Kaiser Heinrich im Jahre 1012 die einsam an der Landstraße liegende Sankt Leonhardskirche erbaute. Hier öffnet sich nach Süden zu ein weltfremdes Thal, die Wildschönau, dessen Einwohnerschaft, in merkwürdiger Abgeschlossenheit dahinlebend, alte Sitten und Rechtsbräuche vielleicht am treuesten in ganz Tirol festgehalten hat. Uralte Bergbaue in dem einst erzreichen Gebirge der Wildschönau haben aufgehört; der Name des „Schatzbergs“, der sich 1898 m hoch über der Wildschönau erhebt, kündet noch von dem einstigen Silbersegen.

Abb. 87. Zirl, mit Ruine Fragenstein.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Reicher und bevölkerter wird das Innthal von Rattenberg aufwärts. Rattenberg selber zwar, das alte Schifferstädtchen ([Abb. 63]), unter dessen Burgtrümmern die Bahn in einem Tunnel hinzieht, macht mit seinen hart über dem Innstrom hängenden grauen Häusern den Eindruck des Verfalles. Solange die Schiffahrt auf dem Inn in Blüte stand, war hier starker Verkehr; seit die Lokomotive das Innthal durcheilt, hat dies aufgehört. Die bei Rattenberg und dem benachbarten Brixlegg ([Abb. 64]) von Norden und von Süden ins Innthal mündenden Thäler, das von Brandenberg und das Alpbachthal, haben für den Verkehr keine Bedeutung. Brixlegg selbst, wo sich, in eine Felswand gemeißelt, ein schönes Denkmal des um die Erschließung von Tirol verdienten Schriftstellers Dr. Steub findet, ist eine viel besuchte Sommerfrische; dabei ein kaiserliches Hüttenwerk und die alte Burg „Matzen“.

Zillerthal.

Von Rattenberg an entfaltet das Unterinnthal seine ganze Pracht. Breit und wohnlich liegt es vor uns da, mit den gigantischen Bergen, die es im Norden einschließen, mit dem Ausblick auf die Stubaier Ferner im Westen, mit seinen Städten, Burgen und Klöstern. Schon bei Brixlegg, auf welches von Norden die breit und charaktervoll vortretende Berggruppe des Sonnwendjochs niederschaut, ragen aus dem Stromthal umbüschte alte Ritterburgen empor. Und dann öffnet sich nach Süden zu eines der schönsten Seitenthäler Tirols: das berggewaltige liederreiche Zillerthal.

Offen und sonnig, bewacht von den riesigen Türmen der alten Feste Kropfsberg, erschließt sich der Eingang dieses Thales. Fünf Stunden lang fährt man auf fast ebener Landstraße thaleinwärts, ohne eine Ahnung von der wilden Größe des Thales zu erhalten, an dessen grüner Sonnenseite man bis hoch hinauf die Gehöfte leuchten sieht. Man fährt durch das freundliche Fügen ([Abb. 65]), aus dem einst die Sängerfamilie Rainer auszog, um den Tiroler Jodler jenseits des Oceans und in den großen europäischen Hauptstädten erklingen zu lassen und dann, reich an Ruhm und Gold, wieder in ihre Bergheimat zurückzukehren.