Abb. 88. Ötz.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Weiter thaleinwärts liegt Zell am Ziller, der Hauptort des Zillerthales ([Abb. 66]). Näher ist hier schon der gewaltige Thalhintergrund getreten: die Gerloswand, der Tristenspitz und das vergletscherte Ingentkar. Aber immer noch erscheint die Landschaft freundlich und sonnig; um Zell gedeihen noch Weizen und Mais. Die vielen Herbergen, die Häuser der Kleingewerbsleute im Dorfe wie die umliegenden Bauernhöfe zeugen von Wohlhabenheit und Lebensfreude. Davon zeugt aber auch der mächtige Wuchs des Zillerthaler Volkes und seine Freude an Gesang und Zitherspiel, an der Liebe und am Raufen.

Bei Zell fängt das Zillerthal, welches bis hierher ohne nennenswerte Seitenthäler blieb, an, einen anderen Charakter zu gewinnen; die bisher sanft ansteigenden Thalgehänge verwandeln sich in dräuende Steilwände; die ganze Landschaft wird ernster, dunkler. Ein steiles Fahrsträßchen führt am Hainzenberge, dessen Goldgruben jetzt verlassen stehen, vorüber zu dem hochgelegenen Alpendorfe Gerlos und von dort hinab in den salzburgischen Pinzgau. Bleibt man im Zillerthale, so gelangt man nach einstündiger Fahrt in den herrlichen grünen Thalkessel, wo Mayrhofen ([Abb. 67]) liegt und alles Weitere wie vermauert scheint. In der That ist das eigentliche Zillerthal hier zu Ende, aber seine bedeutendste Hochgebirgsschönheit beginnt erst. Denn das Thal spaltet sich in vier schluchtenartige Gründe, die sich noch viele Stunden weit in das Innerste der Centralalpenkette hinauf erstrecken und aus denen nur beschwerliche, nicht mehr fahrbare Jochsteige weiterführen.

Der östlichste dieser Gründe ist der mit seinen Ausläufern über 20 km lange Zillergrund, dessen letzte Ausläufer sich in den Eiswüsten der Reichenspitzgruppe verlieren. Langwierige und mühsame Jochpfade führen aus diesem nur spärlich bevölkerten Hochthale hinüber in das jenseitige Ahrnthal. Fast völlig unbewohnt ist die ebenfalls bei Mayrhofen mündende Schlucht der Stillup, die in einer Längenerstreckung von 16 km nur mehr ein paar Alpenhütten und ein Jagdhaus herbergt und deren südliches Ende vom Eiskranz der Zillerthaler Hauptkette verschlossen ist.

Abb. 89. Stuibenfall.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Am bevölkertsten und wohnlichsten unter diesen Seitengründen ist das von Mayrhofen ostwärts hinaufziehende Tuxer Thal. Mit einer Längenerstreckung von 20 km windet sich dieses in großem Bogen um die eisbedeckte Kette des Tuxer Kammes. Es ist ein prächtiger grüner Alpengrund, der eine Reihe von kleinen Hochgebirgsdörfern mit braunen Holzhäusern enthält. Das höchst gelegene derselben ist Hintertux ([Abb. 68]), schon 1475 m über dem Meere, überragt vom schönen Eisgebilde der „Gefrorenen Wand“. Das Thal ist arm; von Bodenfrüchten gedeiht nur wenig mehr in solcher Höhe, aber dafür sind die Tuxer doch ein prächtiges, schönes und lebensfrohes Völkchen, das jauchzend und lachend seine mühsame Arbeit und den schweren Transport seiner Molkereiprodukte besorgt. Man rühmt ihnen auch nach, daß sie den reinsten verständlichsten Dialekt im Lande Tirol sprächen. Ein viel begangener Jochsteig führt von Mayrhofen über Hintertux und das Tuxer Joch in das Schmirnthal und an die Brennerstraße.

Abb. 90. Sölden.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)