Zemmgrund.

Das bedeutendste unter den Zweigthälern des Zillerthales ist aber das Zemmthal, das sich von Mayrhofen an in die großartigste Wildnis der Centralalpenkette 25 km lang hinaufzieht. Schon wer hinter Mayrhofen die felsentief eingerissene Zugangsschlucht, durch welche der Zemmbach seine eisigen Fluten wirft, betritt, muß ahnen, welche Züge die Landschaft haben wird, durch die er hier zu wandern hat. Es ist eine ununterbrochene Folge grandioser Hochlandsbilder. Das zwischen dem Tuxer Kamme und dem Zillerthaler Hauptkamm entlang ziehende Zemmthal ist wohl diejenige Landschaft, wo weniger menschliche Ansiedelungen auf gleichem Flächenraume sich finden, als sonst irgendwo in Tirol. Kaum irgendwo sonst sind die Thalwände so steil, die Bergbäche so wild, die in Schluchten verlorene Einsamkeit so düster und groß wie hier. Nur zweimal, bei dem Alpendörfchen Ginzling ([Abb. 69]), drei Wegstunden hinter Mayrhofen, und abermals zwei Stunden weiter, bei den paar Hütten von Breitlahner, öffnet sich diese gigantische Schluchtenwelt zu kleinen grünen Thalkesseln. Dann gabelt sie sich in zwei Äste. Einer von ihnen, der Zemm- oder Schwarzensteingrund, führt nach Südosten in einen wundervollen Cirkus von eisgepanzerten Felshörnern und zerklüfteten Gletschern. Hier, wo ewige Eisluft weht, auf den höchsten Matten, bietet noch die Berliner Hütte ([Abb. 70]) einer schaulustigen Schar von Bergfreunden ihre schirmende Unterkunft. Noch höher droben, wo die Eislawinen vom Thurnerkamp und Greiner niederdonnern, oder wo der märchenhafte Schwarzsee zwischen Schneefeldern liegt, sieht man wohl mitunter noch einen verwegenen Edelsteinsucher — Granatenklauber nennt man sie hier —, der mit seinem Hammer an den vielfarbigen Felswänden hinklettert, um nach kostbaren Mineralien zu suchen, die hier in geheimen Spalten und Höhlungen funkeln. — Der südwestliche Zweig des Zemmthales, Zamser Grund genannt, steigt als trümmererfüllte Schlucht von der Wegteilung bei Breitlahner noch vier bis fünf Wegstunden empor, immer höher und wilder. An der gastlichen Dominicushütte und dem Eingange des vergletscherten Schlegeisthales vorüber klettert der Felsensteig empor zu der öden Schuttwüste des Pfitscher Joches, wo bei drei kleinen eisigen Seen noch eine Unterkunftshütte steht. Zu den Füßen des Wanderers liegt der grüne Thalgrund von Pfitsch und weit von Westen her grüßt ihn der Eispalast des Ortlers.

Abb. 91. Ötzthaler.
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Achensee. Tratzberg.

Wir aber kehren zurück an den Eingang des Zillerthales, um die Wanderung durch das Innthal fortzusetzen, dessen nördliche Thalwand immer großartigere Formen gewinnt. Das nächste Seitenthal ist das bei Jenbach ([Abb. 71]) sich öffnende Thal des Achensees ([Abb. 72]). In prachtvollem Blau liegt er zwischen dem Gebirgsstocke des Sonnwendjochs und den östlichen Ausläufern der Karwendelketten eingebettet, ein märchenschönes Landschaftsbild, dem allerdings während der Sommermonate der allzu lebhafte, von Zahnradbahn und Dampferfahrt geförderte Fremdenverkehr die Poesie der Einsamkeit genommen hat. Aber er ist trotzdem noch entzückend schön, der träumerische Seewinkel an der Pertisau, wo über der erfrischend plätschernden Seefläche die seltsamen Felshörner des Sonnwendjoches mit ihren grünen Matten aufzacken und im Westen verborgene Steige in die Bergwelt des Karwendelgebirges sich verlieren ([Abb. 73])! Der Achensee wirft sein Wasser nicht in den benachbarten Inn. Der Weg dahin ist ihm in unvordenklichen Zeiten durch einen ungeheuren Bergsturz zugeschüttet worden; so ward er gezwungen, sich durch seinen Abfluß, die Walchen, in nordwestlicher Richtung auf bayerisches Gebiet und in die Isar zu wenden.

Abb. 92. Ötzthalerin.
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Wir lassen das fleißige und heitere Jenbach hinter uns und fahren im Innthal weiter. Zur Rechten über der Straße leuchtet Schloß Tratzberg (vgl. [Abb. 44] bis [46]); weiterhin gähnt die schluchtartige Tiefe des Stallenthales mit dem hochgelegenen Kloster St. Georgenberg; dann zeigt sich auf der Thalsohle das ausgedehnte Gemäuer des reichen Stiftes von Viecht. Und am jenseitigen, südöstlichen Innufer, malerisch auf dem ansteigenden Thalhang hingelagert, das alte Bergstädtchen Schwaz ([Abb. 74]).

Schwaz. Hall.