Dieses Städtchen, römischen Ursprunges, hat mannigfache, nicht immer frohe Schicksale gesehen. Als im Jahre 1409 die reichen Silber- und Kupferschätze des Schwazer Erzberges aufgeschlossen wurden, nahm der Ort einen fast beispiellosen Aufschwung. Es gab Zeiten, in denen in den Schwazer Gruben 30000 Bergleute arbeiteten. Diese Schwazer Grubenleute waren weit berühmt; im Jahre 1529 schützten sie als Minengräber Wien gegen die türkischen Belagerer. Eine Zeitlang war Schwaz die reichste Ortschaft in Tirol. Aber der Segen nahm ein trauriges Ende. Religiöse Kämpfe während der Reformationszeit, Pest und Erdbeben, endlich im Jahre 1809 der Einbruch der bayerischen Armee, suchten die unglückliche Stadt heim. Mancher Bau, namentlich die schöne Pfarrkirche, zeugt noch vom einstigen Reichtum. Aber heute sind die Silbergruben erschöpft, nur Eisen- und Kupfergruben noch in Betrieb. Über dem Orte erhebt sich der alte Turm von Freundsberg, das Stammschloß Georgs von Freundsberg, des Siegers in der Schlacht von Pavia. Gegenüber von Schwaz mündet, aus dem Karwendelgebirge herabziehend, das Vomper Thal; es ist das finsterste und wildeste unter den Thälern der nördlichen Kalkalpen, umstarrt von den Riesenwänden der Bettelwurfspitze, Grubenkarspitze und des Hochglück.
Abb. 93. Gurgl, gegen den Ötzthaler Ferner.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Der eilende Bahnzug trägt uns an diesem sonnenlosen Felsschlunde, der wie ein Aufenthalt von Drachen und bösen Geistern blauschattig herübergähnt, vorbei, im offenen Innthale aufwärts. Wieder liegt eine Stadt vor uns, deren schöne alte Türme mit grünem Edelroste bedeckt sind und um deren Mauern, Balkone und lauschige Winkelgärtchen Epheuranken sich schlingen: es ist das freundliche Hall ([Abb. 75]). Wie in Schwaz Kupfer und Silber, so war es hier das schon im VIII. Jahrhundert aus dem Felsenbauche des Haller Salzberges gewonnene Salz, das der Stadt zu schnellem Ruhm und Reichtum verhalf. Aber zermalmende Schicksalsschläge warfen sich auch auf das schöne Hall. Schon im XIV. Jahrhundert waren die Bürger zu schweren Kämpfen wider die bayerischen Herzöge genötigt; 1447 zerstörte eine Feuersbrunst einen Teil der Stadt. Dann kamen religiöse Zwistigkeiten, wiederholte Pestseuchen, in den Jahren 1670–1672 langdauernde Erderschütterungen. Während des spanischen Erbfolgekrieges ward die von den Bayern besetzte Stadt durch die Tiroler Bauern erstürmt; später wüteten wiederholt schwere Schadenfeuer und endlich der große Krieg von 1809, während dessen Hall dreimal von den Bayern und dreimal von Speckbachers Tirolern erobert ward.
Innsbruck.
Aber an der schicksalsreichen Stadt werden wir heute im Fluge vorübergetragen. Immer mächtiger steigen vor uns die schneebedeckten Gipfel der Stubaier Alpen empor. Durch eine grünende Aue geht es eilend hin; im Süden zeigen sich auf bewaldeter Höhe die Türme des stolzen Schlosses Ambras (Abb. [76] bis [78]); zur Rechten türmt sich über waldigen Vorbergen die weiße Zackenmauer des Solstein empor. Der Schienenweg überschreitet den Inn, und vor uns liegt, in ihren weiten prachtvollen Hochgebirgskessel eingebettet, Innsbruck, die Landeshauptstadt von Tirol (Abb. [79], [80], [82]).
Abb. 94. Hochjoch-Hospiz, gegen die Wildspitze.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Innsbruck, das heute 30000 Einwohner zählt, füllt mit seinen Vorstädten die ganze Breite des Innthales aus. Die günstige geschützte Lage in einer der geräumigsten Weitungen des Innthales, am nördlichen Ausgang eines der gangbarsten Alpenpässe, veranlaßte schon die Römer nach der Eroberung der Alpenprovinzen, hier eine Pflanzstadt, Veldidenum, anzulegen, von der heute noch Stift und Vorstadt Wilten den Namen haben. Schattenhafte Erinnerungen aus römischer Zeit wie aus den Tagen des großen Gotenkönigs Theodorich durchgeistern die Stadt und mit ihnen die Romantik des Mittelalters, getragen durch die Gestalten Friedrichs mit der leeren Tasche, Kaiser Maximilians I., der schönen Philippine Welserin; und dazwischen meint man den Schlachtenlärm aus den Tagen der Reformationskriege, des spanischen Erbfolgekrieges und des großen Tiroler Freiheitskampfes zu vernehmen. Aber all das ist lange vorüber; nur in halb verklungenen Lauten, in schönen Bauten und ehrwürdigen Denkmälern sprechen noch jene Erinnerungen zur Gegenwart, die Innsbruck in eine hübsche, moderne und thätige Stadt verwandelt hat.
Aber man empfindet diesen Zauber voll und ganz, sobald man in das hervorragendste Bauwerk der Stadt eintritt, in die Franziskaner- oder Hofkirche ([Abb. 81]), deren Inneres vollständig beherrscht wird durch ein weltberühmtes Kunstwerk: das Grabdenkmal Kaiser Maximilians. Wer diesen marmornen Aufbau mit seinen zahlreichen Erztafeln und Erzfiguren betrachtet, erstaunt ebensosehr über die freie, edle und graziöse Erfindung, wie über die vollendete Technik, in der das Grabmal selber und seine 28 überlebensgroßen ehernen Wächter ausgeführt sind.