Abb. 95. Weißkugel, von der Kreuzspitze gesehen.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Außer dem Kaiserdenkmal haben auch die Gräber der Tiroler Freiheitshelden, Andreas Hofers, Speckbachers und Haspingers, eine Stätte in der Hofkirche gefunden. Und treten wir aus ihrer schweigenden Halle hinaus in die sauberen und heiteren Straßen, so sehen wir fast allerwärts über den Enden derselben die riesenhaften Bauwerke emporragen, die hier die Meisterin Natur aufgetürmt hat. Über das „goldene Dachl“, jenen zierlichen Erker mit dem Golddach, den Herzog Friedrich aus Trotz gegen die Spötter seiner Armut erbaute, hängt der Solstein herein und von der stolzen Fensterfront der kaiserlichen Hofburg aus schweift der Blick das weite Innthal hinab in duftige Fernen. Während wir durch die Hauptstraße der Stadt, die Maria-Theresiastraße, wandern, findet unser Auge an der stattlichen Triumphpforte, die zu Ehren der Kaiserin hier errichtet ward, vorübergleitend, den viel umkämpften Iselberg und die schöne Felspyramide der Waldrasterspitze.

Abb. 96. Mittelberg.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Außer der Hofkirche sind sehenswert die Jesuitenkirche mit ihrer bedeutenden Kuppel und Gemälden von Albrecht Dürer und anderen Meistern; die durch Erdbeben verwüstete und dann wieder aufgebaute Pfarrkirche, das alte Kapuzinerkloster mit seinem schönen Garten, das Servitenkloster und andere kirchliche und klösterliche Bauten. Ein schöner Renaissancebau beherbergt die Sammlungen des Landesmuseums; hier sind ansehnliche Schätze von Altertümern, Kunstwerken und Naturgegenständen vereinigt, welche die Natur, die Geschichte und Kultur des Tiroler Landes spiegeln: vorrömische und römische Altertümer, ethnographisch und kulturgeschichtlich wichtige Dinge, Erinnerungen und Trophäen aus den Tiroler Volkskriegen, Handschriften, Bücherschätze, Skulpturen, Modelle und Werke der Kleinkunst, Metallarbeiten und Münzen, Gemälde von älteren und modernen, namentlich Tiroler Meistern; Kupferstiche und Handzeichnungen, sowie Naturaliensammlungen. Wer seine Anschauungen über die Natur des Tirolerlandes vervollständigen will, darf aber auch den Besuch des mehr als 600 Alpenpflanzen enthaltenden botanischen Gartens nicht versäumen, ebensowenig den des Gartens im Pädagogium, wo eine 90 qm große Reliefkarte von Tirol, unter freiem Himmel aus den entsprechenden Gesteinsarten aufgebaut, einen ganz eigenartigen Einblick in die Orographie und Hydrographie des Landes bietet.

Innsbruck ist kaum als Industrie- und Handelsstadt zu bezeichnen. Es ist politischer und geistiger Mittelpunkt eines spärlich bevölkerten und keineswegs reichen Landes und muß als solcher beurteilt werden. An Handelsbedeutung ist ihm Bozen von altersher überlegen. Als Sitz der obersten Landesbehörden, einer achtungswerten Universität und ansehnlicher Garnison drängt es immerhin mannigfache Interessen in sich zusammen, wenn es auch keinerlei bodenständige Großindustrie hat, sondern mit den Produkten seines Kleingewerbes nur die eigene Einwohnerschaft und das benachbarte Nordtirol versorgt. Mit dem lebhaften Fremdenverkehr hängt auch mancherlei Erwerbsthätigkeit zusammen, namentlich das Geschäft der im Sommer oft überfüllten Gasthöfe. So macht die Stadt entschieden den Eindruck des Aufschwungs, zu welchem das Zusammentreffen der wichtigsten Tiroler Bahnlinien am meisten beitragen mochte. Diesen Aufschwung beweisen die vielen stattlichen Neubauten, welche die Stadt in den letzten Jahrzehnten bereicherten, und die Verdoppelung der Bevölkerung, welche sie seit einem Menschenalter erfuhr. Dabei gibt es in Innsbruck keine armen verkommenen Stadtteile, wie sie in anderen Städten von gleicher Volkszahl so oft zu finden sind; das Leben und Treiben der Bevölkerung ist ein behäbiges und gemütliches, zumal in ihr die städtischen und ländlichen Elemente sich reichlich durchdringen. Das zeigt schon ein Blick in die Gassen, in denen zwischen den Trachten der Städter und den schmucken Gestalten der Kaiserjäger sehr zahlreich noch die Gewänder der Landbewohner aus dem oberen und unteren Innthal, aber auch manches Etschländers und Pusterthalers erscheinen (Abb. [83] bis [85]).

VII.
Nordwesttirol.

Innsbruck. Oberinnthal.

Von Innsbruck stromaufwärts reicht das Oberinnthal bis zur Schweizer Grenze beim Finstermünzpaß. Wie dieser Thalabschnitt landschaftlich ernster, enger, düsterer ist, als das Unterinnthal, so sind auch seine Bewohner verschlossener, weniger frohmütig und weniger aufgeklärt.