Gleich hinter Innsbruck erweitert sich zwar die Gegend in der Höttinger Au nochmals. Aber dann tritt die Martinswand ([Abb. 86]), in deren Höhlung ein Kreuz die Stelle weist, wo einst Kaiser Max bei der Gemsjagd sich verstieg, scharf gegen die südliche Thalumwallung vor; und von nun an behält das Thal fortwährend den Charakter düsterer Größe.
Gegenüber der Martinswand erschließt sich nach Süden hin zwischen waldigen Vorbergen das Thal Selrain. Es sind sanft gerundete Glimmerschieferberge, in denen es emporzieht. Nach einigen Stunden, bei dem Dorfe Gries, gabelt sich das Thal und verliert seinen Namen. Ein westlicher Thalast, das Grieser Thal, verästelt sich vielfach; wenig begangene Jochsteige führen aus ihm ins Ötzthal. Ein anderer Ast, das Melachthal, streckt sich direkt nach Süden in die Gletschergebiete der Lisenzer oder Alpeiner Ferner, deren weiße Kämme und Spitzen hinausleuchten bis nach München, von wo sie an klaren Tagen noch sichtbar sind. Über dem prächtigen Eisgebilde des Lisenzer Ferners erhebt der Fernerkogl sein 3300 m hohes Haupt.
Abb. 97. Imst.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Der nächste größere Ort im Innthal aufwärts ist Zirl ([Abb. 87]), von wo ein wichtiger und alter Straßenzug steil über den Zirler oder Seefelder Berg hinanführt, an den Trümmern von Schloß Fragenstein vorbei auf die Hochfläche von Seefeld. Hierher aber werden wir auf anderem Wege gelangen. Einstweilen lassen wir uns vom Bahnzuge durch das Innthal weitertragen. Dieses scheint sich verflachen zu wollen; die Kette der nördlichen Kalkalpen wird zum Hügelland. Aber es ist bloß eine breite Lücke, die in ihren Zug hier eingerissen ist; bald steigt sie wieder um so trotziger empor, und läßt über dem freundlichen gewerbfleißigen Telfs die „Hohe Munde“ als riesigen kahlen Kalkklotz 2661 m hoch anssteigen. Von Telfs aufwärts ändert sich das Landschaftsbild. Zwischen die Kette der Hochkalkalpen und die tiefe Innfurche hat sich ein niedriges Hügelland, der Achberg, und weiter westlich ein isolierter lang gestreckter Berg, der Tschürgant, eingelagert. Dadurch sind zwei Parallelthäler entstanden: südlich das Innthal und nördlich von ihm die von der Poststraße durchzogene waldige Thalweitung, in welcher die Ortschaften Miemingen, Obsteig, Nassereit und Tarrenz liegen.
Die Bahnlinie bleibt im Innthale. An den südlichen Berghang lehnt sich ein ehrwürdiger, weitläufiger Klosterbau: das Cisterzienser-Stift Stams, das im Jahre 1271 von Elisabeth, der Mutter des letzten Hohenstaufen Konradin, im tiefen Schmerz über den Tod ihres Sohnes gegründet ward. Es ist die letzte Ruhestätte seiner Stifterin und der meisten Fürsten Tirols geworden; hier empfing auch Kaiser Max die Gesandtschaft des Sultans Bajazet, die um die Prinzessin Kunigunde, des Kaisers Schwester, zu werben gekommen war. Von dem uralten Eichenwalde, der einst das Kloster umgab, sind nur noch Reste vorhanden. Weiter stromaufwärts sieht man auf einem Felsenhügel die zerfallenen Mauern der alten Burg Petersberg oder Welfenberg. Und dann, aufwärts von Silz, zieht sich die Bahn durch jenes öde aussichtslose Trümmergebiet, welches den Ausgang des Ötzthales bezeichnet.
Ötzthal.
Hier müssen wir den Schienenpfad verlassen, um das Ötzthal kennen zu lernen. Es ist das größte Seitenthal des Innthales, von seinem Eingange bei Ötz bis zu seinem Ende auf dem Hochjoch gegen 65 km lang. Eine stundenbreite Schuttlandschaft, mit Moos und breitästigen Kiefern bewachsen, zeigt, welche riesige Trümmermassen von vorgeschichtlichen Gletschern und ungeheuren Fluten aus dem Thale herausgewälzt wurden. Hat man diese Schuttlandschaft hinter sich, so erreicht man eine freundliche Thalweitung, in der das anmutige Dorf Ötz ([Abb. 88]) sich ausgebreitet hat. Die reiche Vegetation überrascht; man sieht prächtige Nußbäume, Felder mit Mais und Weinreben an den Häusern. Rasch ändert sich die Scenerie hinter Ötz; die Straße windet sich steil über eine Thalstufe, das „Gsteig“, empor, über das die Ötzthaler Ache sich in wildem Sturze niederwirft. Dann erreicht man wieder einen Thalkessel: den von Umhausen. Zur Linken der Straße drängt sich die sagenumgeisterte Engelswand, eine lotrechte Glimmerschiefermasse, dräuend in das Thal hinein. Etwa 5 km lang erstreckt sich dieser Kessel, dessen Bodenfläche durch alte und neuere Schuttströme, welche von den mächtigen und steilen Thalhängen herabgekommen sind, uneben gemacht wird. Am oberen Ende des Kessels liegt das freundliche Dorf Umhausen, schon 1036 m über der Meeresfläche, in dessen Nähe einer der schönsten Wasserfälle Tirols, der Stuibenfall, seine mächtige Wassermasse über eine dunkle Hornblendeschieferwand herabwirft ([Abb. 89]). Hinter Umhausen verläßt man das Gebiet dieser Gesteinsart und tritt in eine aus verwittertem Gneis geschaffene Landschaft, das sogenannte Maurach. Es ist eine Gegend, die an schauerlicher Wildheit ihresgleichen sucht: eine riesenhafte Moräne aus wild durcheinander geworfenen Blöcken, zwischen brüchigen, weißgrauen Wänden; und über dieses Trümmerfeld wirft die Ache ihre rasenden, zischenden Wirbel. Mühsam bahnt sich die Straße durch diese Wüste. Dann aber gelangen wir plötzlich wieder in einen 7 km langen, prächtig grünen Thalgrund. Es ist der von Längenfeld, berühmt durch seinen ausgedehnten Flachsbau. Diese ganze Gegend duftet unangenehm nach Leinöl; sie liegt schon 1164 m hoch. Abermals folgt eine, wenn auch nicht so düstere Enge; die Straße steigt stark an und leitet uns dann wieder in den grünen Thalkessel von Sölden. Hier sind wir abermals um 240 m höher; noch sehen wir zwar Getreidefelder und Kartoffeläcker; aber hart über ihnen zeigt sich nur mehr ein spärlicher Saum von Wald, über dem die nackten, zerfurchten Felswände, von zahlreichen Gletscherbächen überrauscht, emporragen.
Abb. 98. Nassereit.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)