Abb. 99. Fernsteiner See.
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

In Sölden (Abb. [90] bis [92]), 1401 m über dem Meere, endet die zuletzt schon recht beschwerlich gewordene Fahrstraße; nur Fußsteige führen noch im Thale weiter. Es folgt wieder eine enge und lange Schlucht, in der man höher und höher emporsteigt. Tief, tief unter den Füßen des Wanderers gurgelt und braust die Ache durch lichtlose Schlünde, hoch über sich und gegenüber sieht er brüchige Wände aufragen; mancherlei Gedenktäfelchen am Wege sagen von Unfällen, die vordem hier sich zutrugen. Eine Stunde lang steigt man auf diesem einsamen Steinpfad hinan; dann erschließt sich wieder eine kleine grüne Fläche mit den wenigen Häusern von Zwieselstein.

Abb. 100. Landeck, von Stanz gesehen.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Hier gabelt sich das Thal. Ein einziger unvergletscherter Steig führt noch in südöstlicher Richtung zum Timblerjoche und über dasselbe ins hinterste Passeier Thal. Sonst läuft das Ötzthal von hier aufwärts nur mehr in eisumschlossene Hochthäler aus. Gerade nach Süden zieht sich der Thalast von Gurgl hinan, wo man bei 1900 m Seehöhe das höchst gelegene Dorf Tirols, Gurgl erreicht ([Abb. 93]). Grün bemattet ziehen sich noch die Berghänge hinan; aber überall zeigen sich schon zwischen und über ihnen weiße, dick beeiste Hochgipfel. Die Häuser des Dorfes sind arme braune Holzhütten; etwas thaleinwärts sieht man noch einen kleinen dunklen Zirbenhain: die letzten Bäume. Hinter denselben nur mehr einsame Hochgebirgswildnis. Die menschlichen Ansiedelungen haben ein Ende; nur dann und wann erblickt man noch die niedere Steinhütte eines Schafhirten. Im Hintergrunde des Gurgler Thales steigt mit blauen Klüften und Spalten ein 10 km langer Eisstrom, der Gurgler oder Ötzthaler Ferner, in das Thal herab. Seine Zunge verschließt dem benachbarten Langthaler Ferner den Abfluß; letzterer staut sich, und so entsteht alljährlich hier zur Zeit der Schneeschmelze ein 1500 m langer See, der Langthaler Eissee, auch Gurgler Lake genannt. Er ist eines der wunderbarsten Gewässer in der ganzen Alpenwelt, von blauen Eiswänden umgeben, mit seltsam geformten Eisinseln. Alljährlich um die Zeit der Sonnenwende sucht sich die Wassermasse einen Abfluß unter dem Eise des Gurgler Ferners hindurch. So unwirtbar die Landschaft der Gurgler Eiswelt erscheint, führen doch noch Gletscherpässe von hier über das 3050 m hohe Langthaler Joch in das Pfeldersthal und nach Hinterpasseier; und über das Gurgler Joch, 3300 m hoch, ins Schnalser Thal und zum Vintschgau. Mehr begangen ist der Übergang über das aussichtreiche Ramoljoch; aber all diese Eispfade können nur im Sommer, bei gutem Wetter und unter Leitung der tüchtigen Ötzthaler Führer begangen werden.

Abb. 101. St. Jakob am Arlberg.
(Liebhaberaufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)

Venter Thal.

Eine der berühmtesten Alpenlandschaften ist der westliche Ast des obersten Ötzthales geworden: das Venter Thal. Dieses führt ins Innerste einer ganz großartigen Eiswelt; in einer Längenerstreckung von etwa 26 km enthält es mehr als zwanzig Gletscher. Seine untere Hälfte ist ziemlich einförmig. Der Baumwuchs ist hier fast zu Ende; an steinigen Graslehnen führt der Weg empor zu dem Alpendorfe Vent, 1892 m hoch gelegen. Die letzten Getreidefelder hat man schon zwei Stunden vorher hinter sich gelassen. Nur eine dürftige Ahnung erhält man hier von den riesenhaften Eisgipfeln, welche das Thal umstarren und unter denen die Wildspitze, 3776 m, mit ihrer schlanken Doppelspitze als Königin der Ötzthaler Berge sich aus der prachtvollen Wildnis des Mittelbergferners erhebt.