Abb. 102. St. Anton am Arlberg.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Gleich hinter Vent, das heutzutage während der Sommerzeit einer der besuchtesten Standplätze für Hochgebirgswanderer ist, spaltet sich das Thal abermals in zwei Äste. Nach Süden steigt das Niederthal hinan in einen mächtigen Eiscirkus, wo die zerklüfteten Eismassen von vier großen Gletschern einen wunderbaren Thalschluß bilden und der vereiste Jochsteig über das Niederjoch ins Schnalser Thal führt. Noch weit ausgedehnter sind die Eislandschaften des südwestlichen Thalastes. In ihm liegen noch, 2004 m hoch, die Höfe von Rofen, die höchsten, dauernd bewohnten Ansiedelungen Tirols, in deren bergumfriedeter Sicherheit einst Herzog Friedrich mit der leeren Tasche schützende Zuflucht fand. Höher und höher steigt der Bergpfad empor über die Moräne des verderbendräuenden Vernagtgletschers, der schon wiederholt mit seinem Eise die von anderen Gletschern herabkommenden Wildwasser zum See aufstaute, der dann, seinen Eisdamm durchbrechend, grauenhafte Verwüstungen im ganzen Ötzthal anrichtete. Und noch eine Stunde zieht der schmale Steig hinan bis zur letzten sommerlichen Zufluchtstätte: dem Hochjochhospiz ([Abb. 94]), von wo über den breiten Eishang des Hochjochferners ein viel begangener Übergang in das jenseitige Schnalserthal hinüberleitet, während im Westen der lang gedehnte Hintereisferner niedersteigt vom schimmernden Eispalaste der Weißkugel (3776 m), die dort in weltferner Wildnis groß und schweigend erglänzt ([Abb. 95]).
Abb. 103. Reschensee.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Pitzthal.
Wir lenken den Wanderschritt zurück, dahin, wo die Ötzthaler Ache in das Innthal mündet, das nun zur engen Schlucht wird, und suchen uns den Weg in diesem weiter stromaufwärts. Erst bei der Station Imst wird die Landschaft wieder offener; hier münden zwei Thäler. Nach Süden zu zieht sich das Pitzthal, parallel mit dem Ötzthale, zu den Ötzthaler Fernern empor. Zwei Stunden von dem schluchtartigen Thaleingange liegt, noch in wohlangebauter offener Gegend, der Hauptort Wenns. Das Pitzthal weist nicht jene schauerlich wilden Scenerien auf, wie das benachbarte Ötzthal, zeigt auch nicht dessen stufenförmige Absätze, sondern steigt allmählich, aber stetig an. Bei dem letzten bewohnten Hofe, Mittelberg (1733 m, elf Wegstunden von Imst, [Abb. 96]) wird das Thal durch den riesigen, vielfach zerklüfteten Eiswall des Mittelbergferners abgeschlossen, welcher von den Schultern der Wildspitze niedergeht. Er ist wohl der schönste Gletscher Tirols neben seinem Nachbarn, dem Taschachferner, zu welchem eine westliche Seitenschlucht führt.
Abb. 104. Lermoos, gegen den Wetterstein.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Imst. Fernpaß. Landeck.