Gegenüber der Mündung des Pitzthales dehnt sich eine wohlangebaute Terrassenlandschaft zu den Gehängen der nördlichen Kalkalpen. Hier lagert, eine halbe Stunde vom Inn entfernt, der schöne Markt Imst ([Abb. 97]), im Mittelalter durch den von Augsburg nach Italien über den Fernpaß führenden Handelsweg reich und blühend geworden. Auch Bergbau ward in der Umgebung getrieben; ein ganz eigentümlicher Industriezweig der Imster wurde die Zucht von Kanarienvögeln, die von hier aus nach allen europäischen Ländern ausgeführt wurden. Die Innthaler- und Brennerbahn ließ den Fernpaß veröden; darunter mußte auch Imst erheblich leiden, nachdem es schon durch die Franzosenkriege und durch einen fürchterlichen Brand im Jahre 1822 fast völlig vernichtet worden war.
Abb. 105. Plansee.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Hinter Imst zieht sich die uralte Paßstraße durch ein breites Thal zwischen dem Tschürgant und dem Zuge der Hochkalkalpen aufwärts nach dem romantischen Nassereit ([Abb. 98]); und von da, an dem prächtigen kleinen Fernsteinsee ([Abb. 99]), in dessen grünem Gewässer sich die Trümmer der Sigmundsburg spiegeln, vorüber in kühnen Windungen zur Höhe des Fernpasses.
Das Innthal wird von Imst aufwärts wieder breiter und bevölkerter und erweitert sich bei Landeck zu einem prächtigen grünen Thalkessel, in den von Norden her neben ihren bedeutenden Nachbarn die Parseierspitze als stolzeste 3038 m hohe Erhebung der nördlichen Kalkalpen niederschaut, während sich im Westen das Arlbergthal aufthut. Landeck selber ([Abb. 100]) liegt unmittelbar am Inn, bewacht von der alten, aber noch erhaltenen Feste Landeck.
Von hier müssen wir, ehe wir dem Innthale weiterfolgen, zunächst in die westlichen Gebiete des Paznaun- und Stanzer Thales eindringen.
Von Landeck aus zieht die Arlbergbahn mit einer Reihe kühner Bauten westwärts, indem sie das Innthal verläßt und in das engere Thal der Sanna einbiegt. Wo an der Mündung des Paznaunthales die Sanna aus der Rosanna und Trisanna zusammenfließt, wird die letztere auf einem 86 m hohen, sehr merkwürdigen Viadukt von der Bahn überschritten.
Abb. 106. Reutte.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
In das Hochthal Paznaun führt von der schönen Arlbergstraße ab ein Sträßchen bis nach Galtür. Nur die unterste Stufe des Thales duldet noch Ackerbau; die oberen Stufen sind bloß Weidelandschaften, aber offen, sonnig und grün. Daher bildet auch die Viehzucht so ziemlich den einzigen Erwerb der außerdem zu mancherlei Wandererwerb genötigten Bevölkerung. Die oberen südwärts sich abzweigenden Seitenschluchten des Paznaunthales, das Timberthal, Larainthal, Jamthal und Vermuntthal steigen in die Region des ewigen Eises empor; sie sind umschlossen von den wild zerzackten Glimmerschieferhörnern und Gneiswänden der Silvrettagruppe ([Abb. 2]) oder Jamthaler Ferner, und von deren ausgedehnten Firnfeldern und Gletschern. Durch diese Thäler steigt man empor zu den Hochgipfeln des Piz Linard (3414 m), des Verstanklahorns (3301 m), des Piz Buin (3312 m) und des lange wegen seiner Gefahren berüchtigt gewesenen Fluchthorns (3408 m). Westwärts führen aus dem obersten Paznaun viel begangene Pässe über das Zeynesjoch und durch die Vermuntthäler nach Montafun; südlich kann man über dick vereiste Kämme nach dem schweizerischen Engadin oder dem Prättigau gelangen.