Hier verlassen wir den Inn. Unsere Kunststraße windet sich durch eine enge Schlucht empor, an einer kleinen Bergfestung vorüber und erreicht in großen Schlangenwindungen das Dorf Nauders (1362 m) mit der alten Burg Naudersberg. Das Dorf, das 1880 durch einen Brand völlig verwüstet ward, liegt fast an der Grenze des Getreidebaus; auf seinem kleinen Hauptplatze tummeln sich die österreichischen und schweizerischen Postwagen; denn eine musterhafte Kunststraße führt von hier in mannigfachen Windungen einen Bergrücken hinauf zur nahen Schweizergrenze und von dort hinab nach Martinsbruck im Engadin.
Die flache Einsenkung, in welcher Nauders liegt, zieht sich mit fast unmerklicher Steigung noch anderthalb Stunden aufwärts zur Paßhöhe von Reschen-Scheideck (1494 m, [Abb. 103]). Hier müssen wir unsere Wanderung unterbrechen; denn was wir vor uns sehen, ist der Vintschgau — Südtirol. Das zu schildern gehört späteren Blättern an. Wir haben hier noch eines Grenzgebiets zu gedenken, das sich als nördliche Vorlage des Innthales nach Bayern zu abdacht.
Zwei bayerische Bergströme, die Isar mit ihrem Zufluß, der Loisach, und der Lech, empfangen ihre größten Wassermengen aus Quellbächen, die in Tirol entspringen. Auch diese kleinen Stromgebiete sind des Durchwanderns wert.
Abb. 114. Schruns.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Hinterriß. Isarthal.
Das Tiroler Stromgebiet der Isar reicht vom Achensee im Osten bis westwärts zum obersten Leutaschthale. Es gehört durchaus der Zone der Hochkalkalpen an. Ihren östlichsten Zufluß aus Tirol erhält die Isar in der Walchen, die aus dem Nordende des Achensees fließt, und durch einsame Waldthäler ihren Weg sucht. Höher aufwärts nimmt die Isar einen anderen Quellfluß auf: die Riß. Das Thal der Riß, nur in seinem untersten Verlauf zu Bayern, sonst zu Tirol gehörend, ist wohl das ödeste unter allen Thälern Tirols, da es bei einer Längenerstreckung von ungefähr 25 km nur ein paar Jagdschlösser und Unterkunftshäuser, außerdem bloß Alm- und Jagdhütten und ein kleines Franziskanerklösterchen enthält. Das Ganze ist eine prachtvolle Hochgebirgslandschaft, ein riesiges und sorgsam gehegtes Jagdgebiet, auf dessen grüne Matten (vgl. [Abb. 73]) und schöne Waldbestände in schauerlichen Felsabstürzen die zerrissenen Hochgipfel des Karwendelgebirges herniederdrohen.
Abb. 115. Glurns, gegen den Ortler.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Im Isarthal selbst betritt man, vom letzten bayerischen Orte Mittenwald aufwärts wandernd, den Boden von Tirol beim Felsenpaß von Scharnitz, einem uralten und viel umkämpften Eingangsthor von Norden her. In Römertagen hieß der Paß Scarbia; Herzogin Claudia von Tirol legte hier umfangreiche Festungswerke an, die jetzt in Trümmern liegen. In und bei der kleinen Ortschaft Scharnitz fließen verschiedene Quellbäche der Isar zusammen; nach Osten öffnen sich hier unbewohnte, in großartige Waldgefilde und Steinwüsten hinaufziehende Hochthäler: das Karwendel-, Hinterau- und Gleirschthal. Im Hinterauthal entspringt die Isar auf den grünen Matten des Hallerangers. Die alte Völker- und Heerstraße zieht von Scharnitz in einsamer Waldlandschaft noch hinan bis zum Sattel von Seefeld, wo die Wasserscheide zwischen Isar und Inn liegt, und dann hinab über den Zirler Berg ins Innthal. Seefeld liegt auf einer kleinen aussichtsreichen Hochebene (1176 m). Seitenwege führen von hier in das große tirolische Leutaschthal, ein prächtiges, weites, waldreiches, von zwei Ortschaften bevölkertes Thal, das im Norden von der Wettersteinkette, im Südwesten von turmartigen Felskolossen der Mieminger Kette eingerahmt ist und dessen Wasser bei Mittenwald in die Isar fließen.