Abb. 116. Stilfser Joch, vom Wege zur Payerhütte gesehen.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Der bedeutendste Zufluß, den die Isar empfängt, die Loisach, kommt ebenfalls aus Tirol. Sie fließt aus drei Quellbächen zusammen in dem großartigen Thalkessel von Lermoos ([Abb. 104]), über dem in furchtbaren Steilwänden die Westfront der Zugspitze abbricht. Zauberhaft schöne kleine Seespiegel, der Seebensee, Drachensee, Weißensee und Blindsee, schmücken die Umgebung von Lermoos; zwischen den letztgenannten hindurch schlängelt sich der altehrwürdige Straßenzug langsam ansteigend zum Fernpaß. Es ist landschaftlich der schönste Zugang aus dem Norden nach Tirol, reich an mannigfaltigen und wechselnden Bildern. Die einsame Höhe des Fernpasses umwehen Sagen und die trauernden Erinnerungen an König Ludwig II. von Bayern, der sich in dem südlich des Passes gelegenen Schloß Fernstein eine Stätte stiller Träumerei schuf.
Abb. 117. Suldenthal (Januar 1895).
(Liebhaberaufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)
Lechthal.
Noch ein Gebiet von Nordtirol, ebenfalls dem Innthal nördlich vorgelagert, wollen wir flüchtig durchstreifen: das des Lechstromes. Bald hinter dem bayerischen Grenzstädtchen Füssen erreicht man, am Lech aufwärts wandernd, die Tiroler Grenze und nach ein paar Stunden den schönen Marktflecken Reutte ([Abb. 106]). Hier gehen nach mehreren Richtungen Straßenzüge auseinander. Nach Osten zu öffnet sich das Seitenthal des stillen, waldumrauschten Plansees ([Abb. 105]). Nach Südosten zieht am romantischen Trümmerwerk der alten Feste Ehrenberg und der Ehrenberger Klause vorüber die Straße nach Lermoos und zum Fernpaß. Gewaltige Schatten der Weltgeschichte hausen in diesen Trümmern, wo einst der Gotenkönig Theoderich Burg und Gerichtssitz begründet hatte. Während des schmalkaldischen Krieges nahm Schärtlein von Burtenbach die Feste; die Tiroler gewannen sie wieder. Zäh hielt sie sich gegen Kurfürst Moritz von Sachsen und im dreißigjährigen Kriege gegen Bernhard von Weimar und Wrangel. Erst im spanischen Erbfolgekriege ward sie wieder von bayerischen Truppen genommen, konnte aber nicht gehalten werden. Jetzt stehen die Trümmer, von Moos überwuchert, neben und über der Straße.
Das Lechthal wendet sich bei Reutte nach Südwesten. Der nächste Ort ist Weißenbach, wo sich gegen Südosten die abgelegenen Gründe des Rotlechthales aufthun, während nach Nordwesten hin der schmale Schluchtenweg von Paß Gacht in das offene, bevölkerte Thaunheimer Thal hinüberführt. Durch dieses fließt in großen Windungen die Vils, um sich, noch innerhalb Tirols, unweit von Füssen in den Lech zu werfen. Das Thal des Lech dagegen wird oberhalb Weißenbach still und öde; erst von der Mündung des von Westen her kommenden Hornthales aufwärts zeigen sich wieder häufigere Ansiedelungen; aber zur freundlichen, anmutigen Landschaft wird das Thal erst bei Elbigenalp. Höher und mächtiger wird die Umwallung des Thales: im Norden die Allgäuer Berge, im Süden die hohen Kalkschroffen, die hier die Wasserscheide bilden zwischen Lech und Inn und zu denen kurze, wilde Querthäler hinanziehen. Bei dem Dorfe Holzgau erreicht man den oberen Teil des Lechthales, bei Steg den höchst gelegenen Ort. Hier endet die Fahrstraße; aber das Thal zieht sich noch fünf Stunden weit gegen Westen hinan; aus seinen Seitenschluchten führen Jochsteige nördlich in das bayerische Allgäu, nordwestlich in den Bregenzer Wald, südlich zur Arlbergstraße.
Abb. 118. Sulden, gegen die Schöntaufspitze.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)