Der oberste Thalgrund der Etsch ist der Vintschgau. Hier liegt auf der Paßhöhe des Reschen-Scheidecks der grüne Reschensee, aus dem die Etsch abfließt ([Abb. 103]). Das armselige Dörfchen Reschen am Nordende des Sees bezeichnet die Wasserscheide zwischen Inn und Etsch. Rauh und großartig ist die Landschaft hier oben. Bei dem Dorfe Graun, das ebenfalls noch am Reschensee liegt, öffnet sich ostwärts das Thal Langtaufers. Ein wilder Gletscherbach strömt aus ihm hervor; er ist der Abfluß des mächtigen Langtauferer Ferners, der im Hintergrunde des Thales herabsteigt, umstarrt von den eisigen Höhen der Weißseespitze, Vernagtwand, Weißkugel und Freibrunner Spitze. Aus dem Langtauferer Thale und seinen grünen Matten führen selten begangene Jochsteige und Gletscherpässe hinüber in die Nachbarthäler, nach Radurschel, ins Kaunserthal und ins Ötzthal. Unter diesen Pässen ist das Weißseejoch in der Kriegsgeschichte berühmt geworden dadurch, daß es 1799 vom österreichischen General Laudon mit einer Heeresabteilung überschritten ward.

Abb. 127. Vulpmes.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Der Langtauferer Bach wirft sich in einen zweiten kleinen See, den Mittersee, über welchem man im Süden die eisgepanzerte Berggestalt des Ortlers aufragen sieht. Am südlichen Ende dieses Sees liegen die alten Häuser von „Sankt Valentin auf der Heide“. Dies ist einer der eigenartigsten Plätze in Tirol, eine Landschaft, in den größten kühnsten Zügen gezeichnet. Im XII. Jahrhundert ward hier ein Hospiz begründet zur Aufnahme von hilfsbedürftigen Wanderern. Hier beginnt die berühmte Malser Heide. Noch liegt ein dritter See auf der Höhe, der Heidersee; dann senkt sich die Heide wie ein mächtiges Dach thalabwärts; ihr oberes Ende liegt um 400 m höher als das untere. Diese Heide ist ein riesiger Schuttkegel, gebildet durch Schlammströme, die aus den östlichen Seitenthälern Plawen und Planail einst hervordrangen. Über sie zieht in vielen Windungen die prächtige Jochstraße herab. Wer über die Heide herabsteigt, den grüßt von felsiger Höhe, am Westhang des Gebirges gelegen, das Benediktinerstift Marienberg. Es ist eine altehrwürdige Abtei, in deren Geschichte aber ein blutiger Griffel schrieb; denn im Jahre 1304 ward das Kloster von seinem eigenen Schirmvogt, einem der wilden Ritter von Matsch, überfallen und sein Abt erschlagen. Den Mörder fand man nachmals ermordet und verscharrte ihn in ungeweihter Erde.

Abb. 128. Neustift, gegen das Zuckerhütl.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Tiefer und tiefer senkt sich die Heide. Und je mehr man sich ihrem unteren Ende naht, um so belebter wird die Landschaft. Zur Rechten und zur Linken der Heide, wie an ihrem Fuße, erheben sich Burgen und Kirchtürme; vor sich sieht man den stattlichen Flecken Mals, überragt vom Eisbau des Ortlers. Mals ist ein uralter Ort römischen Ursprungs, mit ehrwürdigen Burgtrümmern, durchbraust von dem wilden Punibach, dessen Wasser in grauer Vorzeit die Schuttmassen der Malser Heide aus höheren Gebirgslagen herabgewälzt haben.

Ober-Vintschgau

Noch senkt sich auch unterhalb von Mals das Gelände stark nach abwärts. Aber der Charakter der Heide ist verschwunden; zahlreiche Ortschaften beleben das Thal; Burgen schauen von den Vorsprüngen der Berghänge; weiße Häuser schimmern unter Obstbäumen; überall zeigen sich die Spuren fleißiger Menschenhände. Noch ein halbes Stündchen tiefer, wo die Thalsohle ganz flach wird, liegt das uralte graue Städtchen Glurns ([Abb. 115]). Hier ist der Ober-Vintschgau zu Ende; der zahmere Unter-Vintschgau beginnt; die Landschaft wird, wenn auch aus der Höhe kahle Felsschroffen und Eisspitzen hineinragen, gartenähnlich; die Etsch, so wild sie auch über die Malser Heide herabtobte, wälzt sich hier in wohlgeregeltem Bette hin.

Glurns macht einen Eindruck, als sei es aus längst vergangenen Jahrhunderten gespensterhaft emporgestiegen in den Sonnenglanz des Vintschgaues. Bemooste Mauern und Türme pressen die kleine Häusermasse des Städtchens zusammen; die paar Gassen, die es enthält, sind wie ausgestorben. Im Jahre 1499 durch die Graubündener, 300 Jahre später durch die Franzosen völlig verwüstet, ist es noch wie ein malerischer Steinhaufen liegen geblieben im blühenden Thale.