Abb. 132. Eisack-Ursprung.

Stilfser Joch. Suldenthal.

Kehrt man aus dem Matscher Thale zurück ins Etschthal, so trifft man in Neu-Spondinig auf einen wichtigen Verkehrsknotenpunkt. Das Thal wendet sich hier vollständig nach Osten und wird zum Unter-Vintschgau, dessen nördliche Umwallung durch die Gehänge der Ötzthaler Alpenwelt gebildet wird, während von Süden her die Abhänge der Ortleralpen ins Thal schauen, dessen Sonnenseite zunächst kahle, sonnverbrannte, pflanzenleere Steinmauern bilden, während auf der Schattenseite dunkle Waldung sich hoch emporzieht. Bei Neu-Spondinig zweigt von der Vintschgauer Straße die Stilfser Jochstraße ab und zieht heiß und sonnig quer durch das Thal, um bald darauf durch die Thalschlucht des Trafoibaches als kühnster Straßenbau der österreichischen Monarchie zum Stilfser Joch ([Abb. 116]) anzusteigen. Wie mächtig ihre Steigung ist, geht daraus hervor, daß Neuspondinig auf der Sohle des Etschthales nur 885 m, die Stilfser Jochhöhe dagegen 2760 m hoch liegt.

Ortler.

Zwei Stunden vom Eingange des Trafoithales, an dem die belebte Poststation Prad den Zugang bildet, spaltet sich das Thal bei der kleinen Gebirgsfestung Gomagoi. Der linke Thalast zieht hinauf in die Eiswelt des Ortlers. Es ist das Suldenthal — heut’ eine der vom Fremdenverkehr zumeist gesuchten Hochgebirgslandschaften (Abb. [117] u. [118]). Was Zermatt oder Chamonix für die Schweiz, ist Sulden für Tirol. Seit ein paar Jahren erst ist die Fahrstraße in das Suldenthal vollendet, aber schon steht neben einigen kleineren ein riesenhaftes Hotel in dem ehemals weltverlorenen Bergdorf Sankt Gertrud. Ein schimmernder Kranz von Eisbergen umgibt das Thal: der gewaltige Ortler ([Abb. 4]), die geisterhaft schöne Königsspitze mit ihren Eiswänden ([Abb. 5]) und der Cevedale mit seinem makellos weißen Schneekleide. Sankt Gertrud ist nunmehr ganz Touristen- und Führerdorf geworden. Seit der kühne Passeirer Jäger Joseph Pichler im Jahre 1804 als erster die Spitze des Ortlers betreten hatte, sind mancherlei Wege auf diese höchste Zinne Österreichs, die sich 3902 m über den Meeresspiegel erhebt, gefunden worden. Die gangbarsten derselben führen von Sulden oder von Trafoi aus zur Payerhütte. die auf dem vom Ortler nach Norden ziehenden Tabarettakamm erbaut ist, und von hier über den oberen Ortlerferner zur Spitze. Der Berg selber ist eine aus Kalk bestehende massive Pyramide von kühnen, energischen Formen, aus der ganzen Gebirgsgruppe, der sie angehört, nach Norden zwischen die Thäler Sulden und Trafoi vortretend. Von seinen Schultern fließen der untere und obere Ortlerferner, der Marltferner, der Ende-der-Welt-Ferner und der mächtige Sulden-Ferner in die Tiefe.

Abb. 133. Wildbad Brenner.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Wandert man von Sankt Gertrud aus thaleinwärts, so gelangt man in einen großartigen Gletschercirkus, in dessen Innerstem die Schaubachhütte des Alpenvereines einen unvergleichlichen Ausgangspunkt für Alpenwanderungen bietet. Gletschersteige, nur für schwindelfreie und kniefeste Kletterer gangbar, führen von da auf die Hochgipfel des Ortlers, der Königsspitze und des Cevedale, sowie über vereiste Felsjoche nach den italienischen Thälern Val Zebru und Val Cedeh, und in das tirolische Martellthal.

Abb. 134. Brennerin.
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)