Stilfser Joch.
Kürzer als das Suldenthal ist jenes von Trafoi ([Abb. 119]), in welchem die Stilfser Jochstraße mit ihren zahllosen Windungen zur tirol-italienischen Grenze hinansteigt. Prachtvoll ist der Einblick in die Eiswelt des Ortlers von Trafoi (Tres fontes) aus, wo in tiefster Bergeinsamkeit die „Heiligen drei Brunnen“ sprudeln, während hoch über ihnen die blaugezackten Gletschermassen des Trafoier und des Ortler Ferners hangen. Immer kühner wird der Straßenbau, immer fremdartiger und öder die Umgebung; der letzte dünne Wald bleibt zurück; die Straße zieht durch eine dürre Steinwüste so hoch hinauf, daß die Gletscher hart an sie herantreten, und erreicht endlich die Jochhöhe und die Grenze bei einer Steinsäule in einer Meereshöhe von 2760 m.
Abb. 135. Gossensaß, gegen das Pflerschthal.
(Nach einer Originalphotographie von B. Johannes in Partenkirchen-Meran.)
Oberer Vintschgau.
Aber hier beginnt italienisches Gebiet; wir müssen zurück in die Tiefe des Etschthals. Dieses wird allmählich fruchtbarer; an den Trümmern zerfallener Ritterburgen vorüber wälzt sich der eisgraue Strom durch die Getreidefluren von Tschengels und Laas und dann um einen mächtigen Schuttkegel in eine tiefer gelegene Thalgegend. Hier nimmt er die starken Gletscherwasser auf, die ihm aus dem von den Ortleralpen herabziehenden Seitenthal Martell zufließen. Und immer reicher wird die Landschaft; auf den Glimmerschieferfelsen über dem Thale winken malerisch die Burgen von Schlandersberg und Annenberg, von Montan, Castelbell und Hochgalsaun; an den untersten Gehängen des Thals zeigen sich schon die prächtigen dunkelgrünen Haine der Edelkastanie zwischen kleinen Weingärten. Bei Staben mündet, von Norden herabziehend, wieder ein größeres Seitenthal: das Schnalser Thal. Hoch droben in diesem Thale liegt das ehemalige Kloster Kartaus, das, 1326 von König Heinrich von Böhmen gestiftet, späterhin wegen des unkirchlichen Lebenswandels seiner Mönche aufgehoben ward. Jetzt wohnen arme Leute in den ehemaligen Mönchszellen. Bei Kartaus gabelt sich das Thal. Nach Nordosten steigt das Pfossenthal hinauf, wild und mit jähen Wänden. Ein paar einsame Bauernhöfe liegen noch in ihm; vom höchsten und letzten derselben, dem Eishof, führen Gletscherpässe ostwärts nach dem Pfeldersthale und nordwärts über den großen Ötzthaler Ferner nach dem Ötzthale. Der Hauptast des Schnalser Thals wendet sich nach Nordwesten; höher oben in ihm liegt noch der Wallfahrtsort Unser-lieben-Frau ([Abb. 121]). Zwei, zwar vergletscherte, aber doch viel begangene Pässe leiten von da ins Ötzthal hinüber, dessen Gletscher an ihrem Südabhange meist in jähen Wänden abbrechen, während sie nach Norden mit langen Zungen hinabziehen. Diese Pässe sind das Hochjoch und das Niederjoch, zwischen denen die dick beeiste Finailspitze ihr blinkendes Haupt erhebt. Das Schnalser Thal ist eines der abgeschlossensten und deshalb echtesten Thäler Tirols, von etwa 1200 Seelen bewohnt, friedfertigen, treuherzigen und stattlichen Menschen, ohne jede Fahrstraße.
Abb. 136. Hölle im Pflerschthal.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Schnalser Thal. Etschthal. Meran.
Das Etschthal zeigt von der Mündung des Schnalser Thals abwärts schon fast südliche Fülle und Schönheit. Über prachtvollen Kastanien und Nußbäumen trotzen die Burgen von Hochnaturns und Tarantsberg; Reben umranken jedes Haus, üppiges Schlinggewächs jeden Fels. Noch einmal verengt sich das Thal zu einer merkwürdigen Schlucht, der „Töll“, durch welche sich die Etsch über eine Höhe von fast 200 m hinunterdrängt in die Tiefe. Dem Wanderer aber erschließt sich plötzlich ein weiter wunderbarer Blick in einen offenen Thalgrund, mit blinkenden Ortschaften, Kirchen und Burgen; eine entzückende, lachende Gartenlandschaft: das gesegnete Burggrafenamt von Meran.