Abb. 137. Straße in Sterzing.
(Liebhaberaufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)

Meran selber ([Abb. 120]), vordem die Hauptstadt von Tirol, liegt in üppigem Weingelände, am Ufer der Passer, die sich eine Viertelstunde weiter in die Etsch ergießt. Sie hat heute 7200 Einwohner. Obwohl weder als Industrie- noch als Handelsplatz thätig, ist die kleine Stadt weltberühmt wegen ihres unvergleichlichen Klimas, das sie seit etwa sechzig Jahren zu einem Kurort ersten Ranges erblühen ließ. Um die Gasthöfe, Pensionen, Heilstätten und Krankenpromenaden dreht sich das ganze Leben der Stadt. Aber so frisch auch die Quellen von den Bergen rieseln, so üppig jeder Weg und jeder Stein von Blüten überrankt erscheint, so kühl der Schatten der prächtigen Kastanien, so entzückend der Blick auf die riesigen Berge der Umgebung, auf die weite Thalebene, die Rebengelände und die prächtigen alten Burgen an den Hügelsäumen ist: der gesunde Mensch flieht Meran; hier ist zu viel des Leidens und Sterbens, das wehmütig stimmt — gerade bei dieser Vollpracht der Natur.

Abb. 138. Sterzing.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Schloß Tirol. Passeier Thal.

Ja — man flieht aus den sauberen und sonnigen Straßen Merans und seiner Nachbarorte Ober- und Untermais; hinauf nach dem Schloß Tirol ([Abb. 122]), dem alten Felsenneste, wo einst die Grafen von Tirol saßen und aus dem alten Kaisersaale der entzückte Blick meilenweit durch das Etschthal hinunterschweift und hinauf bis zu den Laaser Fernern. Oder nach dem schönen Schloß Lebenberg mit seinem Schatze von mittelalterlichen Erinnerungen; nach Schloß Schönna ([Abb. 123]) oder der trotzigen Fragsburg. Oder noch weiter in eins der großen Hochgebirgsthäler, die bei Meran in das Etschthal münden: in das Passeier- oder das Ultenthal.

Abb. 139. Gilfenklamm (Ridnaun).

Das Passeier, eins der meistgenannten Tiroler Seitenthäler, erstreckt sich über 30 km lang von Meran nordwärts bis zur Gletscherwelt der Stubaier und Ötzthaler Gruppe, von der eisfrischen Passer durchströmt. Nur der unterste Teil des Thales zeigt noch den üppigen Landschaftscharakter von Meran ([Abb. 124]). Die zerstörungslustige Passer mit ihren häufigen Überschwemmungen hat die Ansiedelungen genötigt, mehr nach den Thalwänden hinaufzusteigen. Von der Kellerlahn, einem brüchigen Berghang an der Ostseite des Thales, wälzen sich nach jedem Regengusse verheerende Schlammströme herab, um dann von der Passer thalauswärts gerissen zu werden. Hinter dem Dorf Sankt Martin, etwas rechts von der Straße, liegt das Sandwirtshaus ([Abb. 125]), aus dem Andreas Hofer hervorging, um seine kurze glänzende Heldenlaufbahn und seinen frühen Tod zu finden. Nicht ohne Rührung schaut der Wanderer hinüber zu dem schlichten weißen Hause. Hauptort des Thales ist Sankt Leonhard, unter den Ruinen der Jaufenburg. Hier spaltet sich das Thal; ein Ast zieht nordöstlich gegen den einst viel begangenen Jaufenpaß, über den ein Saumweg nach Sterzing führt. Der Hauptast aber wendet sich nach Westen. Die Straße wird zum Saumpfad. Bei Moos zweigt sich abermals ein Seitenthal ab: Pfelders. In ihm liegt, schon 1628 m hoch, noch die kleine Ortschaft Plan, eins der echtesten und ärmsten Hochgebirgsdörfer Tirols mit seinen wettergebräunten Hütten. Gletschersteige führen von hier über den Ötzthaler Kamm nach Gurgl. Das Passeier aber wendet sich von Moos wieder nach Norden. Man betritt das Hinterpasseier; eine der unwegsamsten weltentlegensten Gegenden Tirols. Der zum schlechten Steig gewordene Weg leitet noch zu den kleinen Ansiedelungen Seehaus, Rabenstein und Schönau; hier ist das Passeier zu Ende. Nach links führt ein kaum mehr erkennbarer Jochpfad zum Timbler Joch, zwischen der Ötzthaler und Stubaier Gruppe; nach rechts steigt man aufwärts zum ehedem erzreichen Grubengebiet des Schneeberges, das geographisch zum Passeier gehört, obwohl sein Verkehr nach anderer Richtung, nach Ridnaun und Sterzing hin gerichtet ist.